Der erste Streich aus Wilhelm Buschs Max und Moritz erschien 1865. Max und Moritz fangen die drei Hühner und den Hahn der Witwe Bolte mit Brotstücken an Fäden. Die Tiere verheddern sich im Apfelbaum und kommen um; der Streich endet mit der Klage der Witwe Bolte um ihr Federvieh.
Mancher gibt sich viele Müh’
Mit dem lieben Federvieh;
Einesteils der Eier wegen,
Welche diese Vögel legen,
Zweitens: weil man dann und wann
Einen Braten essen kann;
Drittens aber nimmt man auch
Ihre Federn zum Gebrauch
In die Kissen und die Pfühle,
Denn man liegt nicht gerne kühle. –

Seht, da ist die Witwe Bolte,
Die das auch nicht gerne wollte.

Ihrer Hühner waren drei
Und ein stolzer Hahn dabei. –
Max und Moritz dachten nun:
Was ist hier jetzt wohl zu tun? –
– Ganz geschwinde, eins, zwei, drei,
Schneiden sie sich Brot entzwei,
In vier Teile, jedes Stück
Wie ein kleiner Finger dick.
Diese binden sie an Fäden,
Übers Kreuz, ein Stück an jeden,

Und verlegen sie, genau
In den Hof der guten Frau. –

Kaum hat dies der Hahn gesehen,
Fängt er auch schon an zu krähen:
Kikeriki! Kikikerikih!! –
Tak tak tak! – da kommen sie.

Hahn und Hühner schlucken munter
Jedes ein Stück Brot hinunter;

Aber als sie sich besinnen,
Konnte keines recht von hinnen.

In die Kreuz und in die Quer
Reißen sie sich hin und her,

Flattern auf und in die Höh’,
Ach herrje, herrjemine!

Ach, sie bleiben an dem langen
Dürren Ast des Baumes hangen. –
– Und ihr Hals wird lang und länger,
Ihr Gesang wird bang und bänger;

Jedes legt noch schnell ein Ei,
Und dann kommt der Tod herbei. –

Witwe Bolte, in der Kammer,
Hört im Bette diesen Jammer;

Ahnungsvoll tritt sie heraus:
Ach, was war das für ein Graus!

„Fließet aus dem Aug’, ihr Tränen!
All mein Hoffen, all mein Sehnen,
Meines Lebens schönster Traum
Hängt an diesem Apfelbaum!!“

Tiefbetrübt und sorgenschwer
Kriegt sie jetzt das Messer her;
Nimmt die Toten von den Strängen,
Daß sie so nicht länger hängen,

Und mit stummem Trauerblick
Kehrt sie in ihr Haus zurück. –
Dieses war der erste Streich,
Doch der zweite folgt sogleich.
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Worum es geht
Zu Beginn steht ein spöttischer Vers über den Nutzen von Hühnern – Eier, Braten, Federn fürs Kissen. Die Witwe Bolte hält drei Hühner und einen Hahn. Max und Moritz schneiden Brot in vier fingerdicke Stücke, binden sie über Kreuz an Fäden und legen sie im Hof aus. Der Hahn ruft die Hühner herbei, jedes Tier verschluckt ein Stück, und die Fäden ziehen sie zusammen. Beim Auffliegen bleiben sie an einem Ast des Apfelbaums hängen und verenden. Witwe Bolte findet die Tiere, beklagt ihren Verlust und schneidet sie vom Baum. Die toten Hühner tauchen im zweiten Streich wieder auf.
Figuren im ersten Streich
Witwe Bolte ist die erste Erwachsene, die Max und Moritz zum Opfer fällt. Sie lebt allein mit ihrem Federvieh; die vier Tiere sind, wie ihr Klagevers zeigt, ihr wichtigster Besitz. Sie kehrt im zweiten Streich zurück, als sie die Hühner braten will.
Quelle
Wilhelm Busch: Max und Moritz. Eine Bubengeschichte in sieben Streichen. Braun & Schneider, München 1865. Verstext nach Wilhelm Busch: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Band 1 (wiedergegeben bei Wikisource).



