Das Werk Wilhelm Buschs enthält an einigen Stellen antisemitische und andere abwertende Stereotype, die im 19. Jahrhundert weit verbreitet waren. Diese Seite gibt Buschs Texte im Wortlaut wieder, weil sie als historische Quelle und als Gegenstand des Schulunterrichts zugänglich sein sollen. Die betroffenen Stellen sind hier benannt und eingeordnet; die dahinterstehende Haltung wird nicht geteilt. Dieser Beitrag ist von den entsprechenden Werkseiten aus verlinkt.
Um welche Stellen geht es
Im Volltext auf dieser Website betrifft das vor allem zwei Prosawerke der Spätzeit:
- Eduards Traum (1891). Die Traumsatire arbeitet in mehreren Abschnitten mit antisemitischen Karikaturen: der Vergleich „flach wie Judenmatzen“ (Abschnitt 3), die Figur des geschäftstüchtigen „Israeliten“, der Fliegen in der Suppe nicht stören (Abschnitt 7), eine längere Passage über den sparsamen, schlauen Juden vor dem Haus eines „antisemitischen Bauunternehmers“ (Abschnitt 8), „sein Los bei Kohn“ und „schachern“ (Abschnitt 9), ein Antisemit auf dem Blitzableiter der Synagoge (Abschnitt 10) sowie der „schlaue, krummnasige“ Sternbild-Händler „Wassermann“ mit dem Einschub „Juden gibt’s doch allerwärts!“ (Abschnitt 11).
- Der Schmetterling (1895). Der groteske Wunderdoktor Schnorz sagt: „ich freu’ mich schon darauf, daß die Juden kein Geld kriegen“ (Abschnitt 25).
In Max und Moritz steht im „Vierten Streich“ der Vergleich „so schwarz als wie die Mohren“, nachdem Lehrer Lämpel die Pfeife explodiert ist. Das Wort „Mohr“ gilt heute als abwertend.
Die bekanntesten antisemitischen Stellen Buschs stehen nicht auf dieser Website, weil von den betreffenden Werken hier kein Volltext liegt. Zur Einordnung gehören sie dennoch:
- Die fromme Helene (1872), erstes Kapitel: „Und der Jud mit krummer Ferse, / Krummer Nas und krummer Hos / Schlängelt sich zur hohen Börse, / Tiefverderbt und seelenlos.“
- Plisch und Plum (1882), fünftes Kapitel, die Figur Schmulchen Schievelbeiner: „Kurz die Hose, lang der Rock, / Krumm die Nase und der Stock, / Augen schwarz und Seele grau, / Hut nach hinten, Miene schlau – / So ist Schmulchen Schievelbeiner. / (Schöner ist doch unsereiner!)“
- Die Haarbeutel (1878), der Zweizeiler über gewinnsüchtige Mitmenschen: „Vornehmlich Juden, Weiber, Christen, / Die dich ganz schrecklich überlisten.“
- Naturgeschichtliches Alphabet (1860) mit der Zeile „Die Zwiebel ist des Juden Speise“ – eine Illustration Buschs zu einem fremden Text.
Der historische Kontext
Der Gründerkrach von 1873 verschärfte die Kritik an der Hochfinanz und ging mit einer Ausbreitung und Radikalisierung des modernen Antisemitismus einher, der in den 1880er Jahren zu einer starken Unterströmung im Meinungsbild der Deutschen wurde. Der Berliner Publizist Otto Glagau machte ab 1874 in der „Gartenlaube“ „jüdische“ Börsenspekulation für die Krise verantwortlich. Agitatoren wie Theodor Fritsch trennten zwischen „schaffendem“ deutschem und „raffendem“ jüdischem Kapital. Die Darstellung „des Juden“ als schlau, geldgierig und körperlich auffällig war in Karikatur, Unterhaltungsliteratur und Bühne massenhaft verbreitet. Für diesen „Gesellschaftsantisemitismus“ des gebildeten Bürgertums war Busch, so die Lexikografin Sabine Hock im Frankfurter Personenlexikon, ein Autor, in dessen Geschichten das zeitgenössische Publikum „nicht ungern antisemitische Züge“ gesehen habe.
Was die Forschung sagt
Die Bewertung fällt abgestuft aus, in der Sache aber überwiegend ähnlich.
Der Dichter und Busch-Kenner Robert Gernhardt hält fest, dass die Strophe aus der frommen Helene im Zusammenhang gelesen nicht Buschs eigene Sicht wiedergibt, sondern die Ängste der Dörfler karikiert, unter denen Helene lebt; Busch male dort auch andere angebliche Gefahren des Stadtlebens in schwarzen Farben aus. Karikaturen von Juden seien in Buschs Werk zudem sehr selten; die jüdischen Figuren stünden auf einer Stufe mit dem „beschränkten bayerischen Bauern“ oder dem „preußischen Touristen“, und der ironische Schluss „Schöner ist doch unsereiner!“ richte sich gerade gegen die Nichtjuden.
Der Biograf Joseph Kraus urteilt schärfer: Die Schmulchen-Verse „könnten auch in einem antisemitischen Hetzblatt stehen.“ Zugleich betont er, Busch habe sich gegen gerissene Geschäftemacher überhaupt gewandt und dafür Karikaturen von Juden benutzt, „aber nicht nur von ihnen“. Insgesamt habe Busch „wie die meisten seiner Zeitgenossen“ Juden als Fremdkörper empfunden und einige antisemitische Denkmuster geteilt; enge Freundschaften mit Juden, etwa mit dem Dirigenten Hermann Levi, habe das nicht ausgeschlossen.
Die Biografin Eva Weissweiler nennt die Schmulchen-Verse „eines der einprägsamsten und hässlichsten Porträts eines Ostjuden“, das die deutsche Satirelandschaft zu bieten habe.
Erik de Smedt spricht von einer „gewissen ambivalenten Haltung Buschs den Juden gegenüber“. In „Eduards Traum“ kritisiere Busch an der „Israelit“-Stelle weniger den Juden als die auf die Spitze getriebenen „bürgerlichen Tugenden“; die Szene mit dem Antisemiten auf dem Blitzableiter der Synagoge verspotte den Antisemiten.
Der Historiker Golo Mann sah in Busch keinen überzeugten Antisemiten, fügte aber hinzu, „ein klein bisschen“ sei er es gewesen, wie es damals bei Deutschen und Franzosen üblich gewesen sei. Der Historiker Peter Gay kommt zu dem Ergebnis, Busch sei kein dezidierter Judenfeind gewesen, sondern ein oberflächlicher, sporadischer Antisemit; Juden träten in seinem Werk nur als Randfiguren auf.
Die Literaturwissenschaftlerin Nike Thurn plädiert dafür, solche Texte „philologisch präzise“ zu lesen – also Kontext, Funktion und Form zu untersuchen – statt eine Gesinnungsprüfung des Autors vorzunehmen. Wilhelm Busch werde damit nicht „gecancelt“.
Unstrittig ist zweierlei: Busch war kein antisemitischer Ideologe oder Agitator, und Juden stehen nicht im Zentrum seines Werks. Ebenso unstrittig ist, dass die genannten Stellen antisemitische Stereotype transportieren – unabhängig davon, wie ironisch sie gemeint waren.
Wie diese Seite damit umgeht
Buschs Texte werden im Wortlaut wiedergegeben und nicht verändert. Sie sind ein Dokument ihrer Zeit und für Unterricht und Forschung nur brauchbar, wenn sie vollständig zugänglich sind. Die betroffenen Werkseiten verweisen auf diesen Beitrag, damit die Stellen im Zusammenhang gelesen werden können.
Der Rang Wilhelm Buschs liegt nicht in seinem Weltbild, sondern in der Bildkunst. Er hat die Bildergeschichte als Form geprägt und die Karikatur weiterentwickelt; Werke wie Der Virtuos oder die „Bilder zur Jobsiade“ lösen Bewegung in Phasen auf, Jahre bevor Eadweard Muybridge seine Bewegungsfotografien veröffentlichte. Von hier führt eine direkte Linie zum modernen Comic. Diese Leistung bleibt bestehen, auch wenn Teile des Werks die Vorurteile ihrer Entstehungszeit spiegeln.
Forschung und weiterführende Literatur
Online zugänglich:
- Wikipedia: Wilhelm Busch, Abschnitt „Antisemitismusvorwurf“ und Plisch und Plum, Abschnitt „Antisemitismus“ (jeweils mit Einzelnachweisen).
- Robert Gernhardt: „Schöner ist doch unsereiner. Kommentar zur Gesamtausgabe der Werke von Wilhelm Busch nebst Klärung der Frage: War dieser Autor ein Antisemit“, in: literaturkritik.de, September 2003.
- Nike Thurn: „Eine philologisch präzise Lektüre ist gefragt“, in: Politik & Kultur (Deutscher Kulturrat) 06/2022.
- Erik de Smedt: „Ideologiekritik in Wilhelm Buschs ‚Eduards Traum‘“, zuerst in: Wilhelm-Busch-Jahrbuch 1978, S. 68–75.
- Sabine Hock: Artikel „Busch, Wilhelm“, in: Frankfurter Personenlexikon.
Gedruckt:
- Joseph Kraus: Wilhelm Busch. Rowohlt, Reinbek 1970 (Neuauflage 2007), ISBN 978-3-499-50163-0.
- Eva Weissweiler: Wilhelm Busch. Der lachende Pessimist. Eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, ISBN 978-3-462-03930-6.
- Gert Ueding: Wilhelm Busch. Das 19. Jahrhundert en miniature. Insel, Frankfurt am Main 1977.
- Frank Pietzcker: Symbol und Wirklichkeit im Werk Wilhelm Buschs. Die versteckten Aussagen seiner Bildergeschichten. Peter Lang, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-631-39313-X.
- Michaela Diers: Wilhelm Busch. Leben und Werk. dtv, München 2008, ISBN 978-3-423-34452-4.
- Gudrun Schury: Ich wollt, ich wär ein Eskimo. Das Leben des Wilhelm Busch. Aufbau, Berlin 2007, ISBN 978-3-351-02653-0.
Häufige Fragen
War Wilhelm Busch Antisemit?
Die Forschung sieht in ihm keinen antisemitischen Ideologen oder Agitator. Er teilte aber verbreitete Stereotype seiner Zeit, und einige Stellen seines Werks sind antisemitisch. Golo Mann nannte ihn „ein klein bisschen“ Antisemit, Peter Gay einen „oberflächlichen, sporadischen“ Antisemiten. Robert Gernhardt verweist darauf, wie selten jüdische Figuren bei Busch überhaupt vorkommen.
Warum stehen diese Texte trotzdem auf wilhelm-busch.de?
Buschs Texte sind historische Quellen und Unterrichtsstoff. Sie werden im Wortlaut wiedergegeben und nicht verändert; die betroffenen Stellen werden benannt und eingeordnet.
Welche Werke sind betroffen?
Im Volltext auf dieser Seite vor allem „Eduards Traum“ (1891) und „Der Schmetterling“ (1895), dazu der „Mohren“-Vergleich in „Max und Moritz“. Nicht auf der Seite, aber oft zitiert: „Die fromme Helene“ (1872) und „Plisch und Plum“ (1882).



