Johannes Bosboom: Der Strand von Scheveningen, 1873

Wilhelm Busch in den Niederlanden

Die Niederlande waren für Wilhelm Busch vor allem ein Land der Malerei. Schon während seines Studiums in Antwerpen begegnete er den niederländischen und flämischen Meistern. Im Herbst 1873 reiste er erneut dorthin. Ein Brief an Johanna Keßler überliefert die Route und seine Eindrücke so genau, dass sich die Reise von Amsterdam bis Scheveningen nachzeichnen lässt.

Alte Meister als frühe Prägung

1852 ging Busch von Düsseldorf an die Akademie nach Antwerpen. Dort studierte er Werke von Rubens, Brouwer, Teniers und Frans Hals. Die Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts blieb ein wichtiger Bezugspunkt für seine eigene Malerei. Seine Bildergeschichten und Gedichte machten ihn berühmt; als Maler suchte er jedoch sein Leben lang nach einer eigenen, überzeugenden Bildsprache.

Die Reise von 1873

Am 9. November 1873 schrieb Busch aus Wiedensahl an Johanna Keßler, er sei mit „Hermann“ in Holland gewesen. Gemeint ist nach dem familiären Zusammenhang sehr wahrscheinlich sein Schwager, der Wiedensahler Pastor Hermann Nöldeke. Die Reise führte zunächst durch „unendliche Haiden und Weiden“ nach Amsterdam, dann weiter nach Haarlem, Den Haag, Scheveningen und auf dem Rückweg für einen Tag nach Köln.

In Amsterdam beschäftigten Busch die Stadt und ihre Kunstsammlungen gleichermaßen. Er beschreibt Kanäle, Brücken und die schmalen Häuser, die dicht an dicht am Wasser stehen. In der Kalverstraat fielen ihm am ersten Abend das Licht aus den Läden und die schweigend vorbeiziehenden Menschen auf. Im Rijksmuseum sah er Rembrandts Nachtwache, das große Gruppenbild von Bartholomeus van der Helst zur Feier des Westfälischen Friedens sowie Werke von Jan Steen, Frans Hals und Adriaen Brouwer.

Auch die Sammlung der Familie Six besuchte Busch. Dass dort Gemälde seit Generationen im Besitz derselben Familie hingen, gab ihm nach eigener Aussage „viel zu denken“. In Haarlem sah er die Porträts von Frans Hals im Rathaus. Busch hebt deren Größe, Ungezwungenheit und Wahrhaftigkeit hervor: „Das Herz steht Einem fast still, wenn man das Alles so ansieht.“

Den Haag und Scheveningen

Den Haag überzeugte Busch als Stadt weniger. „Der Hag kam uns als Stadt gewöhnlich vor“, schrieb er, verwies aber gleich auf sechs „ausdrucksvolle Bilder“ von Jan Steen im Museum. Der Besuch in Scheveningen galt dagegen dem Meer: „In Scheveningen ließen wir uns das Meer entgegenbrausen.“ Mehr berichtet der Brief über den Aufenthalt am Strand nicht. Gerade diese knappe Notiz ist der sichere Beleg für Buschs Besuch.

Scheveningen war 1873 bereits ein Seebad. Seit 1818 gab es dort eine Seebadeinrichtung; 1828 öffnete das Große Städtische Badehaus, das seit 1857 Grand Hotel des Bains hieß. Das heutige Kurhaus kann Busch allerdings nicht gesehen haben: Es entstand erst 1884 und wurde 1885 eröffnet. Ob Busch das damalige Badehaus besuchte oder dort übernachtete, ist nicht überliefert.

Was der Brief erkennen lässt

Die Reise war keine bloße Bade- oder Vergnügungsfahrt. Busch verbindet Stadtbeobachtung, Museumsbesuche und die Erfahrung der Nordsee. Seine Bemerkungen zu Rembrandt, van der Helst, Jan Steen, Frans Hals und Brouwer zeigen den Blick eines Malers, der sich mit den alten Meistern auseinandersetzt. Scheveningen bildet den Abschluss dieser Reise durch Kunststädte und Küste.

Quellen

Bildnachweis: Johannes Bosboom: Der Strand von Scheveningen, 1873, Rijksmuseum Amsterdam, Public Domain.