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	<title>Wilhelm Busch und der Antisemitismus-Archiv &#8226; Wilhelm Busch.de</title>
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	<description>Urvater des modernen Comics</description>
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	<title>Wilhelm Busch und der Antisemitismus-Archiv &#8226; Wilhelm Busch.de</title>
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		<title>Antisemitismus und Zeitkontext</title>
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		<dc:creator><![CDATA[wilhelmbusch.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2026 07:06:14 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<img width="1232" height="1440" src="https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2015/11/letztes_selbstbildnis.jpg" class="attachment-large size-large wp-post-image" alt="Wilhelm Busch" decoding="async" srcset="https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2015/11/letztes_selbstbildnis.jpg 1232w, https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2015/11/letztes_selbstbildnis-659x770.jpg 659w, https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2015/11/letztes_selbstbildnis-768x898.jpg 768w, https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2015/11/letztes_selbstbildnis-14x16.jpg 14w" sizes="(max-width: 1232px) 100vw, 1232px" /><p>Das Werk Wilhelm Buschs enthält an einigen Stellen antisemitische und andere abwertende Stereotype, die im 19. Jahrhundert weit verbreitet waren. Diese Seite gibt Buschs Texte im Wortlaut wieder, weil sie als historische Quelle und als Gegenstand des Schulunterrichts zugänglich sein sollen. Die betroffenen Stellen sind hier benannt und eingeordnet; die dahinterstehende Haltung wird nicht geteilt. [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wilhelm-busch.de/wilhelm-busch/wilhelm-busch-und-der-antisemitismus/">Antisemitismus und Zeitkontext</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wilhelm-busch.de">Wilhelm Busch.de</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img width="1232" height="1440" src="https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2015/11/letztes_selbstbildnis.jpg" class="attachment-large size-large wp-post-image" alt="Wilhelm Busch" decoding="async" srcset="https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2015/11/letztes_selbstbildnis.jpg 1232w, https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2015/11/letztes_selbstbildnis-659x770.jpg 659w, https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2015/11/letztes_selbstbildnis-768x898.jpg 768w, https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2015/11/letztes_selbstbildnis-14x16.jpg 14w" sizes="(max-width: 1232px) 100vw, 1232px" /><p>Das Werk Wilhelm Buschs enthält an einigen Stellen antisemitische und andere abwertende Stereotype, die im 19. Jahrhundert weit verbreitet waren. Diese Seite gibt Buschs Texte im Wortlaut wieder, weil sie als historische Quelle und als Gegenstand des Schulunterrichts zugänglich sein sollen. Die betroffenen Stellen sind hier benannt und eingeordnet; die dahinterstehende Haltung wird nicht geteilt. Dieser Beitrag ist von den entsprechenden Werkseiten aus verlinkt.</p>
<h2>Um welche Stellen geht es</h2>
<p>Im Volltext auf dieser Website betrifft das vor allem zwei Prosawerke der Spätzeit:</p>
<ul>
<li><strong><a href="/werke/geschichten/eduards-traum/">Eduards Traum</a></strong> (1891). Die Traumsatire arbeitet in mehreren Abschnitten mit antisemitischen Karikaturen: der Vergleich „flach wie Judenmatzen&#8220; (<a href="/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-3/">Abschnitt&nbsp;3</a>), die Figur des geschäftstüchtigen „Israeliten&#8220;, der Fliegen in der Suppe nicht stören (<a href="/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-7/">Abschnitt&nbsp;7</a>), eine längere Passage über den sparsamen, schlauen Juden vor dem Haus eines „antisemitischen Bauunternehmers&#8220; (<a href="/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-8/">Abschnitt&nbsp;8</a>), „sein Los bei Kohn&#8220; und „schachern&#8220; (<a href="/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-9/">Abschnitt&nbsp;9</a>), ein Antisemit auf dem Blitzableiter der Synagoge (<a href="/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-10/">Abschnitt&nbsp;10</a>) sowie der „schlaue, krummnasige&#8220; Sternbild-Händler „Wassermann&#8220; mit dem Einschub „Juden gibt’s doch allerwärts!&#8220; (<a href="/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-11/">Abschnitt&nbsp;11</a>).</li>
<li><strong><a href="/werke/geschichten/schmetterling/">Der Schmetterling</a></strong> (1895). Der groteske Wunderdoktor Schnorz sagt: „ich freu’ mich schon darauf, daß die Juden kein Geld kriegen&#8220; (<a href="/werke/geschichten/schmetterling/abschnitt-25/">Abschnitt&nbsp;25</a>).</li>
</ul>
<p>In <strong><a href="/werke/max-und-moritz/alle-streiche/">Max und Moritz</a></strong> steht im „Vierten Streich&#8220; der Vergleich „so schwarz als wie die Mohren&#8220;, nachdem Lehrer Lämpel die Pfeife explodiert ist. Das Wort „Mohr&#8220; gilt heute als abwertend.</p>
<p>Die bekanntesten antisemitischen Stellen Buschs stehen <em>nicht</em> auf dieser Website, weil von den betreffenden Werken hier kein Volltext liegt. Zur Einordnung gehören sie dennoch:</p>
<ul>
<li><strong>Die fromme Helene</strong> (1872), erstes Kapitel: „Und der Jud mit krummer Ferse, / Krummer Nas und krummer Hos / Schlängelt sich zur hohen Börse, / Tiefverderbt und seelenlos.&#8220;</li>
<li><strong>Plisch und Plum</strong> (1882), fünftes Kapitel, die Figur Schmulchen Schievelbeiner: „Kurz die Hose, lang der Rock, / Krumm die Nase und der Stock, / Augen schwarz und Seele grau, / Hut nach hinten, Miene schlau – / So ist Schmulchen Schievelbeiner. / (Schöner ist doch unsereiner!)&#8220;</li>
<li><strong>Die Haarbeutel</strong> (1878), der Zweizeiler über gewinnsüchtige Mitmenschen: „Vornehmlich Juden, Weiber, Christen, / Die dich ganz schrecklich überlisten.&#8220;</li>
<li><strong>Naturgeschichtliches Alphabet</strong> (1860) mit der Zeile „Die Zwiebel ist des Juden Speise&#8220; – eine Illustration Buschs zu einem fremden Text.</li>
</ul>
<h2>Der historische Kontext</h2>
<p>Der <a href="https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/industrie-und-wirtschaft/gruenderkrach" target="_blank" rel="noopener">Gründerkrach von 1873</a> verschärfte die Kritik an der Hochfinanz und ging mit einer <a href="https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/antisemitismus" target="_blank" rel="noopener">Ausbreitung und Radikalisierung des modernen Antisemitismus</a> einher, der in den 1880er Jahren zu einer starken Unterströmung im Meinungsbild der Deutschen wurde. Der Berliner Publizist Otto Glagau machte ab 1874 in der „Gartenlaube&#8220; „jüdische&#8220; Börsenspekulation für die Krise verantwortlich. Agitatoren wie Theodor Fritsch trennten zwischen „schaffendem&#8220; deutschem und „raffendem&#8220; jüdischem Kapital. Die Darstellung „des Juden&#8220; als schlau, geldgierig und körperlich auffällig war in Karikatur, Unterhaltungsliteratur und Bühne massenhaft verbreitet. Für diesen „Gesellschaftsantisemitismus&#8220; des gebildeten Bürgertums war Busch, so die Lexikografin Sabine Hock im Frankfurter Personenlexikon, ein Autor, in dessen Geschichten das zeitgenössische Publikum „nicht ungern antisemitische Züge&#8220; gesehen habe.</p>
<h2>Was die Forschung sagt</h2>
<p>Die Bewertung fällt abgestuft aus, in der Sache aber überwiegend ähnlich.</p>
<p>Der Dichter und Busch-Kenner <strong>Robert Gernhardt</strong> hält fest, dass die Strophe aus der frommen Helene im Zusammenhang gelesen nicht Buschs eigene Sicht wiedergibt, sondern die Ängste der Dörfler karikiert, unter denen Helene lebt; Busch male dort auch andere angebliche Gefahren des Stadtlebens in schwarzen Farben aus. Karikaturen von Juden seien in Buschs Werk zudem sehr selten; die jüdischen Figuren stünden auf einer Stufe mit dem „beschränkten bayerischen Bauern&#8220; oder dem „preußischen Touristen&#8220;, und der ironische Schluss „Schöner ist doch unsereiner!&#8220; richte sich gerade gegen die Nichtjuden.</p>
<p>Der Biograf <strong>Joseph Kraus</strong> urteilt schärfer: Die Schmulchen-Verse „könnten auch in einem antisemitischen Hetzblatt stehen.&#8220; Zugleich betont er, Busch habe sich gegen gerissene Geschäftemacher überhaupt gewandt und dafür Karikaturen von Juden benutzt, „aber nicht nur von ihnen&#8220;. Insgesamt habe Busch „wie die meisten seiner Zeitgenossen&#8220; Juden als Fremdkörper empfunden und einige antisemitische Denkmuster geteilt; enge Freundschaften mit Juden, etwa mit dem Dirigenten Hermann Levi, habe das nicht ausgeschlossen.</p>
<p>Die Biografin <strong>Eva Weissweiler</strong> nennt die Schmulchen-Verse „eines der einprägsamsten und hässlichsten Porträts eines Ostjuden&#8220;, das die deutsche Satirelandschaft zu bieten habe.</p>
<p><strong>Erik de Smedt</strong> spricht von einer „gewissen ambivalenten Haltung Buschs den Juden gegenüber&#8220;. In „Eduards Traum&#8220; kritisiere Busch an der „Israelit&#8220;-Stelle weniger den Juden als die auf die Spitze getriebenen „bürgerlichen Tugenden&#8220;; die Szene mit dem Antisemiten auf dem Blitzableiter der Synagoge verspotte den Antisemiten.</p>
<p>Der Historiker <strong>Golo Mann</strong> sah in Busch keinen überzeugten Antisemiten, fügte aber hinzu, „ein klein bisschen&#8220; sei er es gewesen, wie es damals bei Deutschen und Franzosen üblich gewesen sei. Der Historiker <strong>Peter Gay</strong> kommt zu dem Ergebnis, Busch sei kein dezidierter Judenfeind gewesen, sondern ein oberflächlicher, sporadischer Antisemit; Juden träten in seinem Werk nur als Randfiguren auf.</p>
<p>Die Literaturwissenschaftlerin <strong>Nike Thurn</strong> plädiert dafür, solche Texte „philologisch präzise&#8220; zu lesen – also Kontext, Funktion und Form zu untersuchen – statt eine Gesinnungsprüfung des Autors vorzunehmen. Wilhelm Busch werde damit nicht „gecancelt&#8220;.</p>
<p>Unstrittig ist zweierlei: Busch war kein antisemitischer Ideologe oder Agitator, und Juden stehen nicht im Zentrum seines Werks. Ebenso unstrittig ist, dass die genannten Stellen antisemitische Stereotype transportieren – unabhängig davon, wie ironisch sie gemeint waren.</p>
<h2>Wie diese Seite damit umgeht</h2>
<p>Buschs Texte werden im Wortlaut wiedergegeben und nicht verändert. Sie sind ein Dokument ihrer Zeit und für Unterricht und Forschung nur brauchbar, wenn sie vollständig zugänglich sind. Die betroffenen Werkseiten verweisen auf diesen Beitrag, damit die Stellen im Zusammenhang gelesen werden können.</p>
<p>Der Rang Wilhelm Buschs liegt nicht in seinem Weltbild, sondern in der Bildkunst. Er hat die Bildergeschichte als Form geprägt und die Karikatur weiterentwickelt; Werke wie <a href="/werke/geschichten/der-virtuos/">Der Virtuos</a> oder die „Bilder zur Jobsiade&#8220; lösen Bewegung in Phasen auf, Jahre bevor Eadweard Muybridge seine Bewegungsfotografien veröffentlichte. Von hier führt eine direkte Linie zum modernen Comic. Diese Leistung bleibt bestehen, auch wenn Teile des Werks die Vorurteile ihrer Entstehungszeit spiegeln.</p>
<h2>Forschung und weiterführende Literatur</h2>
<p>Online zugänglich:</p>
<ul>
<li>Wikipedia: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Busch#Antisemitismusvorwurf" target="_blank" rel="noopener">Wilhelm Busch, Abschnitt „Antisemitismusvorwurf&#8220;</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plisch_und_Plum#Antisemitismus" target="_blank" rel="noopener">Plisch und Plum, Abschnitt „Antisemitismus&#8220;</a> (jeweils mit Einzelnachweisen).</li>
<li>Robert Gernhardt: <a href="https://literaturkritik.de/id/6369" target="_blank" rel="noopener">„Schöner ist doch unsereiner. Kommentar zur Gesamtausgabe der Werke von Wilhelm Busch nebst Klärung der Frage: War dieser Autor ein Antisemit&#8220;</a>, in: literaturkritik.de, September 2003.</li>
<li>Nike Thurn: <a href="https://politikkultur.de/schwerpunkte/antisemitismus/eine-philologisch-praezise-lektuere-ist-gefragt/" target="_blank" rel="noopener">„Eine philologisch präzise Lektüre ist gefragt&#8220;</a>, in: Politik &amp; Kultur (Deutscher Kulturrat) 06/2022.</li>
<li>Erik de Smedt: <a href="https://erikdesmedt.eu/busch.htm" target="_blank" rel="noopener">„Ideologiekritik in Wilhelm Buschs ‚Eduards Traum‘&#8220;</a>, zuerst in: Wilhelm-Busch-Jahrbuch 1978, S. 68–75.</li>
<li>Sabine Hock: <a href="https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1924" target="_blank" rel="noopener">Artikel „Busch, Wilhelm&#8220;</a>, in: Frankfurter Personenlexikon.</li>
</ul>
<p>Gedruckt:</p>
<ul>
<li>Joseph Kraus: <em>Wilhelm Busch.</em> Rowohlt, Reinbek 1970 (Neuauflage 2007), ISBN 978-3-499-50163-0.</li>
<li>Eva Weissweiler: <em>Wilhelm Busch. Der lachende Pessimist. Eine Biographie.</em> Kiepenheuer &amp; Witsch, Köln 2007, ISBN 978-3-462-03930-6.</li>
<li>Gert Ueding: <em>Wilhelm Busch. Das 19. Jahrhundert en miniature.</em> Insel, Frankfurt am Main 1977.</li>
<li>Frank Pietzcker: <em>Symbol und Wirklichkeit im Werk Wilhelm Buschs. Die versteckten Aussagen seiner Bildergeschichten.</em> Peter Lang, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-631-39313-X.</li>
<li>Michaela Diers: <em>Wilhelm Busch. Leben und Werk.</em> dtv, München 2008, ISBN 978-3-423-34452-4.</li>
<li>Gudrun Schury: <em>Ich wollt, ich wär ein Eskimo. Das Leben des Wilhelm Busch.</em> Aufbau, Berlin 2007, ISBN 978-3-351-02653-0.</li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wilhelm-busch.de/wilhelm-busch/wilhelm-busch-und-der-antisemitismus/">Antisemitismus und Zeitkontext</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wilhelm-busch.de">Wilhelm Busch.de</a>.</p>
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		<title>Zusammenfassung &#8211; Max und Moritz</title>
		<link>https://www.wilhelm-busch.de/werke/max-und-moritz/zusammenfassung-max-und-moritz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[wilhelmbusch.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Apr 2024 08:45:36 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<img width="1440" height="951" src="https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2024/04/wilhelm-busch_max-und-moritz_streich-4_zeichnung-06.jpeg" class="attachment-large size-large wp-post-image" alt="Illustration von Wilhelm Busch zu Max und Moritz, Vierter Streich (Zeichnung 6)" decoding="async" srcset="https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2024/04/wilhelm-busch_max-und-moritz_streich-4_zeichnung-06.jpeg 1440w, https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2024/04/wilhelm-busch_max-und-moritz_streich-4_zeichnung-06-770x509.jpeg 770w, https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2024/04/wilhelm-busch_max-und-moritz_streich-4_zeichnung-06-768x507.jpeg 768w, https://www.wilhelm-busch.de/wp-content/uploads/2024/04/wilhelm-busch_max-und-moritz_streich-4_zeichnung-06-16x11.jpeg 16w" sizes="(max-width: 1440px) 100vw, 1440px" /><p><em>Max und Moritz. Eine Bubengeschichte in sieben Streichen</em> von Wilhelm Busch erschien 1865. In Paarreimen und Bildern erzählt sie von zwei Buben, die sieben Streiche gegen Menschen und Tiere im Dorf verüben. Beim letzten Streich werden sie selbst in einer Mühle geschrotet. Diese Seite fasst die Handlung streichweise zusammen; die vollständigen Verse und Bilder stehen auf den <a href="/werke/max-und-moritz/alle-streiche/">Einzelseiten der sieben Streiche</a>.</p>
<h2>Vorwort</h2>
<p>Das <a href="/werke/max-und-moritz/alle-streiche/max-und-moritz-vorwort/">Vorwort</a> stellt Max und Moritz als abschreckendes Beispiel für böse Kinder vor und kündigt an, dass die Geschichte schlimm für sie endet.</p>
<h2>Erster Streich: Witwe Bolte</h2>
<p>Im <a href="/werke/max-und-moritz/alle-streiche/erster-streich/">ersten Streich</a> binden Max und Moritz Brotstücke über Kreuz an Fäden und legen sie im Hof der Witwe Bolte aus. Ihre drei Hühner und der Hahn verschlucken je ein Stück, verheddern sich an einem Ast des Apfelbaums und kommen um. Witwe Bolte findet die toten Tiere und schneidet sie vom Baum.</p>
<h2>Zweiter Streich: Die gebratenen Hühner</h2>
<p>Im <a href="/werke/max-und-moritz/alle-streiche/zweiter-streich/">zweiten Streich</a> will Witwe Bolte die toten Hühner braten. Während sie im Keller Sauerkohl holt, angeln Max und Moritz die Braten durch den Schornstein aus der Pfanne. Witwe Bolte verdächtigt ihren Hund Spitz und schlägt ihn, während die beiden Buben ihre Beute hinter der Hecke verzehren.</p>
<h2>Dritter Streich: Schneider Böck</h2>
<p>Im <a href="/werke/max-und-moritz/alle-streiche/dritter-streich/">dritten Streich</a> sägen Max und Moritz den Steg vor dem Haus des Schneiders Böck an. Sie reizen ihn mit Rufen nach draußen; er läuft über den Steg, dieser bricht, und Böck fällt in den Bach. Ein Gänsepaar zieht ihn heraus. Zu Hause kuriert ihn seine Frau mit einem heißen Bügeleisen.</p>
<h2>Vierter Streich: Lehrer Lämpel</h2>
<p>Im <a href="/werke/max-und-moritz/alle-streiche/vierter-streich/">vierten Streich</a> füllen Max und Moritz Schießpulver in die Pfeife von Lehrer Lämpel, während er in der Kirche Orgel spielt. Als Lämpel zu Hause die Pfeife anzündet, explodiert sie. Er überlebt, ist aber rußgeschwärzt und versengt; die Verletzungen heilen mit der Zeit.</p>
<h2>Fünfter Streich: Onkel Fritz</h2>
<p>Im <a href="/werke/max-und-moritz/alle-streiche/fuenfter-streich/">fünften Streich</a> sammeln Max und Moritz Maikäfer und schütten sie Onkel Fritz ins Bett. Nachts krabbeln die Käfer über ihn, bis er aufspringt und sie im Nachthemd totschlägt. Danach legt er sich wieder hin.</p>
<h2>Sechster Streich: Beim Bäcker</h2>
<p>Im <a href="/werke/max-und-moritz/alle-streiche/sechster-streich/">sechsten Streich</a> steigen Max und Moritz durch den Schornstein in das verschlossene Backhaus. Sie fallen ins Mehl und dann in den Teig. Der Bäcker formt aus den Teigklumpen zwei Brote und bäckt sie – doch die beiden nagen sich wieder heraus und laufen davon.</p>
<h2>Letzter Streich: Bauer und Müller</h2>
<p>Im <a href="/werke/max-und-moritz/alle-streiche/letzter-streich/">letzten Streich</a> schneiden Max und Moritz Löcher in die Getreidesäcke von Bauer Mecke. Er ertappt die beiden im Korn, steckt sie in seinen Sack und bringt sie zum Müller. Die Mühle schrotet Max und Moritz; das Federvieh des Müllers frisst die Reste.</p>
<h2>Der Schluss</h2>
<p>Nach dem letzten Streich ist im Dorf niemand traurig. Die früheren Opfer – Witwe Bolte, Schneider Böck, Lehrer Lämpel, der Zuckerbäcker und Onkel Fritz – kommentieren das Ende jeweils mit einem kurzen Spruch, nur der Bauer bleibt gleichgültig. Der Schlusschor lautet: „Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei / Mit der Übeltäterei!!“ Den vollständigen Schluss enthält die Seite zum <a href="/werke/max-und-moritz/alle-streiche/letzter-streich/">letzten Streich</a>.</p>
<h2>Quelle</h2>
<p>Wilhelm Busch: <em>Max und Moritz. Eine Bubengeschichte in sieben Streichen.</em> Braun &amp; Schneider, München 1865. Verstext der Einzelstreiche nach <em>Wilhelm Busch: Werke.</em> Historisch-kritische Gesamtausgabe, Band 1 (wiedergegeben bei Wikisource).</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wilhelm-busch.de/werke/max-und-moritz/zusammenfassung-max-und-moritz/">Zusammenfassung &#8211; Max und Moritz</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wilhelm-busch.de">Wilhelm Busch.de</a>.</p>
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		<title>Abschnitt 12</title>
		<link>https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-12/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[wilhelmbusch.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Nov 2015 09:41:14 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Zucker hatte man gelernt ohne weiteres herzustellen, ohne auch nur einer einzigen Rübe ein gutes Wort geben zu müssen. Aber das wichtigste war, daß man keine Kohlen mehr nötig hatte. Vermittelst sinnreicher Brennglasapparate sammelte man während der guten Jahreszeit nicht bloß so viel Sonnenwärme, als zum Betrieb aller Maschinen, Öfen, Lampen, Töpfe und Warmflaschen des [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-12/">Abschnitt 12</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wilhelm-busch.de">Wilhelm Busch.de</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zucker hatte man gelernt ohne weiteres herzustellen, ohne auch nur einer einzigen Rübe ein gutes Wort geben zu müssen. Aber das wichtigste war, daß man keine Kohlen mehr nötig hatte. Vermittelst sinnreicher Brennglasapparate sammelte man während der guten Jahreszeit nicht bloß so viel Sonnenwärme, als zum Betrieb aller Maschinen, Öfen, Lampen, Töpfe und Warmflaschen des Landes erforderlich war, sondern auch zu bloßen Belustigungszwecken noch immer was drüber. Daß dadurch den Leuten hier die Einrichtung einer bequemen bürgerlichen Gemeinschaft bedeutend erleichtert wurde, war überall ersichtlich. Man tut gleich weniger und hat gleich viel. Nur der, welcher grad Dünger fährt, kriegt einen Schnaps extra. Mit dem fünfunddreißigsten Jahre zieht man auf die Leibzucht. Stehlen hat keiner mehr nötig; höchstens wird von kleinen Knaben noch mal hin und wieder eine Zigarre stibitzt. Man betrachtet dergleichen als angeborenen Schwachsinn, wo der Betreffende im Grunde nichts für kann, und bringt ihn deshalb in die Anstalt für Staatstrottel zu den übrigen. Auch andere Krankheiten gibt’s wohl noch, doch hat man Mittel gefunden, daß keine mehr weh tut, und was das Faulfieber betrifft, welches, besonders in den wärmeren Monaten, nicht eben sehr selten ist, so kuriert man es nach und nach durch Wohlwollen und nachsichtige Behandlung. Man muß nur Geduld haben.</p>
<p>Der Tod ist freilich auch hierzulande nicht ausgeschlossen; nur ist man viel zu aufgeklärt und besitzt im Hinblick auf die Höhe der eigenen Leistungen ein viel zu edles Selbstgefühl, um sich der Befürchtung hinzugeben, es könne hernach am Ende doch etwas passieren, woran niemand eine rechte Freude hat. So weit wäre ja alles recht schön! dacht’ ich. Aber wie sah’s aus mit der Neidhammelei der Dummen gegen die Gescheiten und der Garstigen gegen die Wohlgeformten, besonders bei den Herren? Wie, vor allen Dingen, verhielt es sich mit der Strebsamkeit der Liebe, so daß der Zappermentshansel immer oben drauf sein möchte im Herzen der Grete und es partout nicht leiden will, daß sie den Malefizjochen noch lieber hat als ihn? &#8222;Ja!&#8220; sagte mir ein phlegmatischer Leibzüchter. &#8222;War schlimm! Früher auch viel Last gehabt damit. Jetzt vorbei. Schon längst die Kon-kurrr-renz-drrrüüse-!&#8220; &#8222;Eduard, schnarche nicht so!!&#8220; rief die Stimme. Ich hörte aber nicht hin danach. &#8220; -die Konkurrenzdrüse entdeckt!&#8220; fuhr der Leibzüchter fort; und dann beschrieb er das weitere. Sie sitzt hinter dem einen Ohre, tief in der Gehirnkapsel. Ausbohrung obligatorisch. Erfolg durchschlagend. Er hatte recht. Mit dem Gedrängel und der Haßpasserei war’s aus daselbst. Man gönnte Jedem seine Schönheit und seine Gescheitheit und seine Frau auch, sie mochte so verlockend sein, wie sie wollte, und ob die Grete den Hans kriegte, oder den Jochen, oder den alten Nepomuk, das war ihr und überhaupt jedem egal. So lebten denn da herum die Leute in einer solch wöhnlichen und wohldurchdachten Gemeinschaft, daß sie unser Herrgott und seine zehn Gebote nicht mehr nötig hatten. Nur eins war schade. Das Lachen hatte aufgehört. Zwar hatte man Lachklubs und Lachkränzchen für jung und alt; man läßt sich den dümmsten Stoffel und die garstigste Trine aus dem Spital kommen und besichtigt sie von allen Seiten; man lacht, aber es geht nicht so recht.</p>
<p>Es ist ein heiseres, hölzernes, heuchlerisches Lachen. Und natürlich, meine Lieben! Jenes selige Gefühl, wobei das ganze Gesicht glanzstrahlend aus dem Leime geht; jenes wonnige Bewußtsein, daß wir wen vor uns haben, der noch dümmer oder häßlicher ist als wir selber; diese aufrichtige Freude an der Bestätigung unserer überwiegenden Konkurrenzfähigkeit, deren lauten oder leisen Ausdruck wir Lachen oder Schmunzeln nennen, konnte unter derartig geregelten Verhältnissen nicht mehr vorkommen. Daß sich aber dagegen eine gewisse sanfte Eintönigkeit herbeischleichen würde, deren Wert man nur selten zu schätzen weiß, das ließ sich wohl annehmen. Und so war’s. Sie hatten gemütliche Parkanlagen; aber an jedem Baum hing wer. Die Eingeborenen freilich spazierten herum dazwischen und hatten nichts weiter dabei. Ich konnte mich aber nicht recht daran gewöhnen. Es war eine größere Insel, auf der ich mich befand. Ich flog übers Meer.<br />
Unterwegs, als ich bei einer ganz kleinen Insel vorüberkam, sah ich mehrere antike Sirenen auf ihren Nestern sitzen. Ihre Gesichter waren faltig wie dem Großvater sein lederner Tobaksbeutel, und Stimme hatten sie auch nicht mehr, sondern schnatterten wie die Gänse. Da sie nicht länger, weder durch Gesang noch durch Händewinken und Augenzwinkern, den Schiffer bezaubern konnten, versuchten sie’s vermittelst goldener Eier, die sie selber gelegt hatten, und als ich mich auf nichts einließ, schmissen sie damit, und ich merkte wohl an einem, welches dicht an mir vorbeiflog, daß sie nicht echt waren, und freute mich, daß mich keins traf wegen meiner Geringfügigkeit, und so erreicht’ich wohlbehalten das Festland, ohne vergüldet zu werden.</p>
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		<title>Abschnitt 11</title>
		<link>https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-11/</link>
		
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		<pubDate>Tue, 17 Nov 2015 09:38:49 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Nicht lange, so hatt’ ich ihn und seinen Luftball, ja sogar den atmosphärischen Dunstkreis unseres Erdballs weit hinter mir. Es sauste bereits ein Komet an mir vorüber, jedoch so eilig, daß ich nur konstatieren konnte, es war eine runde, hohle, durchscheinende Kuppel von Milchglas, die ein Loch hatte, aus dem geräuschvoll ein leuchtendes Gas entströmte, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nicht lange, so hatt’ ich ihn und seinen Luftball, ja sogar den atmosphärischen Dunstkreis unseres Erdballs weit hinter mir. Es sauste bereits ein Komet an mir vorüber, jedoch so eilig, daß ich nur konstatieren konnte, es war eine runde, hohle, durchscheinende Kuppel von Milchglas, die ein Loch hatte, aus dem geräuschvoll ein leuchtendes Gas entströmte, welches nach hinten den Schweif, nach vorne, vermutlich durch Rückstoß, die rapide Bewegung dieses merkwürdigen Sternes erzeugte. Wenige Sekunden später passierte ich den Tierkreis. Die hübsche &#8222;Jungfrau&#8220; mit den gesunden &#8222;Zwillingen&#8220;, auf jedem Arm einen, schielte zärtlich nach dem &#8222;Schützen&#8220; hinüber, einem schmucken, blonden, krausköpfigen Burschen, dessen Flügel schön bunt, dessen Köcher, Bogen und Pfeile von Gold sind. Nicht weit davon in seiner Butike saß der schlaue, krummnasige &#8222;Wassermann&#8220; &#8211; Juden gibt’s doch allerwärts! &#8211; und regulierte die &#8222;Waage&#8220; zu seinen Gunsten. Nun aber tat ich einen Satz, den ich mir selber, und das will was heißen, kaum zugetraut hätte. Der Aufschwung, den ich mir gegeben, war dermaßen kräftig, daß ich nicht bloß die äußere Kruste der Welt durchstieß, sondern auch noch eine erkleckliche Strecke weit hinaus flog in den leeren, unermeßlichen Raum.</p>
<p>Hier stand ich still, drehte mich um und verschnaufte mich. Durch die gemachte Anstrengung war ich weißglühend geworden. Und nun kam der erhabenste Augenblick meines Lebens. Von meinem Ich allein, von einem einzigen Punkte aus, durch die unendliche Nacht, warf ich einen elektrisch leuchtenden Strahlenkegel auf die Weltkugel, die in ziemlicher Entfernung mir grad gegenüber lag. Sie hatte wirklich ein Ende und sah von weitem aus wie ein nicht unbedeutender Knödel, durchspickt mit Semmelbrocken. Tief versunken in das überwältigende Schauspiel, hatt’ ich fast nicht beachtet, daß ich anfing mich abzukühlen. Mein Licht brannte matter. Die Aussicht, im nächsten Augenblick ganz allein in der leeren Dunkelheit zu sitzen, wo es obendrein kalt wurde, erschreckte mich doch. Es war die höchste Zeit. So schnell ich nur konnte, eilt’ ich der Weit wieder zu und fand auch glücklich das Loch wieder, wo ich herausgekommen. Ich bohrte tiefer und tiefer; aber noch geblendet von meinem eigenen Lichte von vorhin, kam mir alles so dunkel vor. Ich tappte hierhin und dahin. Endlich fühlte ich was Rauhes. Es war der Schwanz des &#8222;Kleinen Bären&#8220;. Sofort orientierte ich mich, rutschte ein gutes Stück weit an der Himmelsachse hinunter und sprang dann, sobald unser kleines Erdel in Sicht kam, nach seitwärts in der Richtung der gemäßigten Zone hinab.</p>
<p>Die geographische Lage des Ortes, wo ich mich niederließ, war mir ganz und gar unbekannt. Ich weiß nur, daß ich auf der linken Hand eines jungen Mädchens saß, welches mich scharf fixierte, während es mit der Rechten zu einem Klapse ausholte, der mich sicher zermatscht hätte wie eine Stechmücke, wär’ ich nicht schnell auf und davon gewitscht. So war ich denn zum erstenmal auf meiner Reise unter Menschen geraten, welche scharfsinnig genug waren, mich trotz meiner Wenigkeit zu bemerken. Um zu probieren, ob ich auch verstanden wurde, näherte ich mich einem Schäfer, der, unter einem schattigen Baume liegend, sein Vesperbrot verzehrte, bestehend aus einer Flasche Rotwein nebst drei gebratenen Tauben. Ohne irgendwelches Erstaunen, ohne seine Tätigkeit im geringsten zu unterbrechen, nickte er mir auf meinen Gruß: Postemahlzeit! sein gemütsruhiges: Danke! zu. Während er nach Erledigung der Flasche seine dritte Taube entknöchelte, sagt&#8220; ich zu ihm: &#8222;Ihr lebt hier scheint’s im Reiche der Behaglichkeit, guter Freund! &#8222;Mag wohl sein!&#8220; gab er schon halb träumend zur Antwort. Dann mümmelte er noch ein Weilchen so hin an dem letzten Taubenflügel, der ihm halb aus dem Munde stand, und verfiel in einen dermaßen erquicklichen Schlummer, daß es weithin vernehmlich war. &#8222;Eduard, schnarche nicht so!!&#8220; ließ sich wieder die Stimme verlauten. Wieso? dacht ich und flog wohlgemut weiter, um über Sitten und Bräuche des Landes meine näheren Erkundigungen einzuziehen. Durch das einmütige Zusammenwirken sämtlicher Forscher auf sämtlichen Gebieten der Wissenschaft war hier in der Tat ein solch angenehmes Kommunalwesen zustande gekommen, daß selbst ein im Hergebrachten verhärteter Kopf hätte zugeben müssen, es sei mehr, als er jemals für möglich gehalten. Gewöhnliches Mehl, soviel man brauchte, wurde einfach aus Sägespänen gemacht, das feinere für die Konditer auf etwas weitläufigerem Wege aus Bettstroh und Seegrasmatratzen.</p>
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		<title>Abschnitt 10</title>
		<link>https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-10/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[wilhelmbusch.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Nov 2015 09:37:08 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Fremden zeigten sich einverstanden. Man aß gemeinsam, man trank gemeinsam, man rauchte gemeinsam, und was die Stiefel anlangt, so wurde freudig beschlossen, daß sie in der Früh gemeinsam geputzt werden sollten. Da der Fall immerhin merkwürdig schien, beschloß ich, bis zum folgenden Tage zu bleiben. Am nächsten Morgen versammelten sich die sechs Herren im [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Fremden zeigten sich einverstanden. Man aß gemeinsam, man trank gemeinsam, man rauchte gemeinsam, und was die Stiefel anlangt, so wurde freudig beschlossen, daß sie in der Früh gemeinsam geputzt werden sollten. Da der Fall immerhin merkwürdig schien, beschloß ich, bis zum folgenden Tage zu bleiben. Am nächsten Morgen versammelten sich die sechs Herren im gemeinsamen Frühstückszimmer, und als der Menschenfreund seine fünf Brüder ebenso propper gekleidet sah wie sich selbst, trat ihm eine Träne ins Auge, und jedem die Hand reichend, sprach er seine Freude darüber aus, daß nun jeder befriedigt sei. Ein gewesener Maurerparlier fing an, sich zu räuspern. &#8222;Ja!&#8220; sprach er. &#8222;Das ist wohl so! Indessen, da du deinerseits, mein Bruder, nun so lange Zeit mehr gehabt hast als wir, wär’s da nicht recht und billig, wenn wir unserseits nun auch mal eben so lange Zeit mehr hätten als du?&#8220; Der gerechte Menschenfreund, dem inzwischen noch eine zweite Träne ins Auge getreten, nickte ihm Beifall zu. Demnach trank jeder seinen Mokka, ausgenommen der Menschenfreund, demnach nahm jeder seinen Kognak, ausgenommen der Menschenfreund, demnach rauchte jeder seine Havanna, ausgenommen der Menschenfreund, demnach putzte keiner die Stiefel, ausgenommen der Menschenfreund. Als dieser nun seine fünf Brüder noch propperer dastehen sah als sich selber, trat ihm seine dritte Träne ins Auge, und jeden umarmend drückte er jedem seine Freude darüber aus, daß endlich jeder befriedigt sei.</p>
<p>Hier fing der Maurerpolier wieder an, sich zu räuspern und sagte, ja, das wäre wohl so, aber jetzt sollte er sich mal draußen unters Fenster stellen, und dann wollten sie ihm mal richtig auf den Kopf spucken und wollten mal zusehen, ob der Herr Bruder noch stolz sei. Der Menschenfreund, dem inzwischen noch eine vierte Träne ins Auge getreten, zeigte sich abgeneigt. Als das die fünf Brüder bemerkten und sahen, daß er sich sträuben wollte, faßte ihn einer hinten am Rockkragen und zog dran, bis die Ohren oben verschwanden, und ein anderer faßte ihn hinten am Hosenbund und zog dran, bis die Waden unten zum Vorschein kamen, und so führten sie ihn rings in der Stube herum und ließen ihn &#8222;stolz gehen&#8220;, wie sie es nannten, und dann hielten sie ihn horizontal in der Schwebe und trugen ihn auf den Hausflur, und dann zählten sie eins, zwei, drei, indem sie ihn pendulieren ließen, und bei drei flog er zum Tore hinaus und tat einen günstigen Fall in warmen Spinat und erschreckte eine Kuh, die sich hier einen Augenblick verweilt hatte, und als er so dalag, rannen ihm die angesammelten vier Tränen auf einmal aus den Augen heraus, und schimpfen tat er auch. Daraus, daß er letzteres tat, sah ich nur zu deutlich, daß er doch kein recht guter Mensch war. Wer der Gerechtigkeit folgen will durch dick und dünn, muß lange Stiefel haben. Habt Ihr welche? Habe ich welche? Ach, meine Lieben! Lasset uns mit den Köpfen schütteln!</p>
<p>In meinem Traume aber hatte ich die Hoffnung, einen guten Menschen zu finden, noch nicht aufgegeben. Ich folgte auf gut Glück einem Kollektanten, der mit seiner Sammelliste in eine nahegelegene Villa ging. Der nicht unbeleibte Besitzer derselben gab eine Mark für die äußere Mission und fünfzig Pfennige für die innere. Nachdem er dies getan und der Kollektant sich entfernt hatte, verfiel er in Schwermut. &#8222;Ich bin zu gut! Ich bin viel zu gut!&#8220; rief er seufzend und war ganz gerührt über sich selber wegen seiner fast strafbaren Herzensgüte. Ich war befriedigt. Ich hatte sogar einen mehr als guten Menschen gesehn.<br />
Erleichtert, sozusagen, flog ich nach dem Nymphengarten, wo vor versammelten Zuschauern ein Ballon in die Lüfte stieg. Der großartige Anblick brachte plötzlich einen kleinen Plan in mir zur Reife, den ich längst schon gehegt hatte. Ich wollte doch eben mal nachsehn, ob die Welt eigentlich ein Ende hätte oder nicht. Pfeilschnell stieg ich auf und befand mich sogleich in unmittelbarer Nähe des Ballons. Wir schwebten über der Stadt. Den Fallschirm in kundigen Händen, sprang der Luftschiffer aus der Gondel. Der Schirm versagte; und der kühne Aeronaut, soeben noch schnell nach oben strebend, strebt nun noch schneller nach unten mit einer zunehmenden Geschwindigkeit, die er kaum selber zu ermessen vermag. Er setzt sich auf den spitzigen Blitzableiter der Synagoge. Er zappelt unwillig mit Händen und Füßen, denn er war Antisemit. Dann ließ er nach und gab sich zufrieden. Ja, meine Lieben! Im ersten Augenblick ist einem manches nicht angenehm, aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles. Ach ja!</p>
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		<title>Abschnitt 9</title>
		<link>https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-9/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[wilhelmbusch.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Nov 2015 09:34:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich sah sie, ich sah sie leibhaftig, die hohen Forscher, ich sah sie sitzen zwischen ihren Mikroskopen, Retorten und Meerschweinchen; ich erwog den Nutzen, den Vorschub, den berechtigten Stolz und alles, was ihnen die Menschheit sonst noch zu verdanken hat, und in gedrückter Ehrfurcht verließ ich die geheiligten Räume. Aber ein Kritiker &#8211; denn Flöhe [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-9/">Abschnitt 9</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wilhelm-busch.de">Wilhelm Busch.de</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ich sah sie, ich sah sie leibhaftig, die hohen Forscher, ich sah sie sitzen zwischen ihren Mikroskopen, Retorten und Meerschweinchen; ich erwog den Nutzen, den Vorschub, den berechtigten Stolz und alles, was ihnen die Menschheit sonst noch zu verdanken hat, und in gedrückter Ehrfurcht verließ ich die geheiligten Räume. Aber ein Kritiker &#8211; denn Flöhe gibt’s überall &#8211; sagte zu einem anderen, mit dem er vorüberging: &#8222;Da drinnen hocken sie, Zahlen im Kopf, Bazillen im Herzen. Alles pulverisieren sie: Gott, Geist und Goethe. Und dann die Besengilde, die gelehrte, die den Kehricht zusammenfittchet vor den Hintertüren der Jahrtausende.&#8220; &#8211; &#8222;Siehst du das Fuhrwerk da? Siehst du den Ziegenbock, der jeden Morgen sein Wägelchen Milch in die Stadt zieht? Sieht er nicht so stolz aus, als ob er selber gemolken wäre?&#8220; Ich flog ins Museum, in die Verpflegungsanstalt für bejahrte Gemälde und als ich sie mit Verständnis besichtigt hatte, begab ich mich nebenan in die Bilderklinik, wo die Bresthaften geflickt und kuriert werden. &#8222;Restauriert und überlackiert!&#8220; so seufzte ein würdiger Kunstfreund. &#8222;Und wenn’s gut geht, ein paar geistige Pinselhaare bleiben immer drauf kleben!&#8220; Wie? dacht’ ich. Soll denn Tobias seinen alten Vater nicht salben, der blind ist? Soll denn eine liebende Enkelin ihre gute Großmutter nicht schminken, wenn sie runzlicht geworden? Und für alle Fälle, was Neues gibt’s auch noch. Wo hängt es? Im Kunstverein.</p>
<p>Witsch! war ich da. Der Anblick, der mir zuteil wurde, steht unauslöschlich in meiner Seele geschrieben. Alles mußt’ ich loben; das herbe Elend, wie es leibt und lebt; die anregenden Visionen der Mystik; ja, beinahe auch die anziehenden Gestalten der Frauenwelt, die so unbefangen dastanden, obgleich sie aus der Überschwemmung der Kleider nichts weiter als das nackte Leben gerettet hatten. Jedoch leider traf ich auch hier wieder störende Leute, denen die Tätigkeit ihrer kunstfertigen Mitmenschen nicht recht war. So ein ruppiger alter junge schnüffelte an allen Bildern herum und suchte nach Zweideutigkeiten, um sich sittlich zu entrüsten. Man nannte ihn den &#8222;Mann mit der schmutzigen Brille&#8220;, weil er überall den Unrat wittert, den er mitbringt. Und noch ein anderer war da mit einem Gesicht so boshaft, wie das eines tausendjährigen Kolkraben, der im Reviere das entscheidende Wort führt.<br />
&#8222;Nichts als Quark!&#8220; krächzte er, um sich blickend. &#8222;Malen kann jeder, geschickt sind viele, gescheit sind wenige, ein Mensch ist keiner. Gebt mir einen ganzen Menschen, ein komplettes Individuum, das sich aufs Malen verlegt und so unerschöpflich im Finden, Formen und Färben, daß alles aus ist. Das ist’s, was ich von der Kunst verlange!&#8220; Was so ein Schlingel, dachte ich, nicht alles von der Kunst verlangt und noch mehr von seinem Schöpfer, denen er noch nie was geschenkt hat. Zwei berühmte Künstler, die eben vorüberschritten, machten dem Kritikus zwei ergebenste Bücklinge; denn Furcht heißt die Verfasserin des Komplimentierbuchs für alle. Als sie unter sich waren, nannten sie ihn Schafskopf.</p>
<p>Wie ihr wohl bemerkt haben werdet, meine Freunde, war ich entrüstet, und komplett war ich auch nicht. Entrüstung ist ein erregter Zustand der Seele, der meist dann eintritt, wenn man erwischt wird. Mit der Politik gab ich mich nur so viel ab als nötig, um zu wissen, was ungefähr los war. Vor wenigen Tagen war der größte Mann seines Volkes vom Bocke gestiegen und hatte die Zügel der Welt aus den Händen gelegt. Nun hätte man meinen sollen, gäb’s ein Gerassel und Kopfüberkopfunter. Doch nein! jeder schimpfte und schacherte und scharwenzelte so weiter und spielte Skat und Klavier oder sein Los bei Kohn und leerte sein Schöppchen, genau wie vorher, und der große Allerweltskarren rollte die Straße entlang, ohne merklich zu knarren, als wär’ er mit Talg geschmiert. Die Welt ist wie Brei. Zieht man den Löffel heraus, und wär’s der größte, gleich klappt die Geschichte wieder zusammen, als wenn gar nichts passiert wäre. Während ich noch hierüber nachdachte, fiel mir plötzlich was ein. So viel Wunderbares und Herrliches mir nämlich bisher auch begegnet war, ein wahrhaft guter Mensch war mir nicht vorgekommen. Nicht, daß ich mich so recht herzlich danach gesehnt hätte; es war nur der Vollständigkeit wegen. Wie ich munkeln hörte, sollte einer da und da, Hausnummer soundso, gleich draußen vor der Stadt leben; ein auffälliger Menschenfreund, dem der Besitz eine Last sei und das Verteilen ein Bedürfnis, und ich beeilte mich, ihm sofort einen heimlichen Besuch abzustatten. Er hatte grad von der Heerstraße, die vor seiner Tür vorüberführte, fünf das Land durchstreifende Wanderer hereingeholt. &#8222;Brüder!&#8220; so sprach er mild. &#8222;Tut, als ob ihr zu Hause wärt. Wir wollen alle gleich viel haben!&#8220;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-9/">Abschnitt 9</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wilhelm-busch.de">Wilhelm Busch.de</a>.</p>
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		<title>Abschnitt 8</title>
		<link>https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-8/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[wilhelmbusch.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Nov 2015 09:27:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Seine Sandalenfüße, seine getreulich überlieferte Nase, die merklich abgenützt wurde vom wehenden Wüstensande, dem die Väter einst vierzig Jahre lang entgegenmarschierten, geben ihm das Zeugnis einer schönen Beständigkeit. Mit Vorsicht wählt er die Kalle, und nimmt er sie mal, so pflegt er sie auch zu behalten, es sei wie’s sei, und nicht, wie die anderen, [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-8/">Abschnitt 8</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wilhelm-busch.de">Wilhelm Busch.de</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Seine Sandalenfüße, seine getreulich überlieferte Nase, die merklich abgenützt wurde vom wehenden Wüstensande, dem die Väter einst vierzig Jahre lang entgegenmarschierten, geben ihm das Zeugnis einer schönen Beständigkeit. Mit Vorsicht wählt er die Kalle, und nimmt er sie mal, so pflegt er sie auch zu behalten, es sei wie’s sei, und nicht, wie die anderen, so häufig zu wechseln. Nüchtern geht er zu Bett, wenn die andern noch saufen; alert steht er auf, wenn die andern noch dösig sind. Schlau ist er, wie nur was, und wo’s was zu verdienen gibt, da läßt er nicht aus, bis &#8222;die Seel’ im Kasten springt&#8220;. Daß man sich durch dergleichen bürgerliche Tugenden nicht viel beliebter macht als Ratten und Mäuse, ist allerdings selbstverständlich.<br />
Übrigens befand ich mich in diesem Augenblick grade über dem Hause eines antisemitischen Bauunternehmers, und so witschte ich mal eben durchs Dach hinein. Im vierten Stock legt ein Fräulein Hut und Handschuh ab. Sie hat Einkäufe gemacht, unter andern ein Glas voll Salpetersäure. Nicht ohne einen gewissen Zug von Entschlossenheit sieht sie dem Besuche ihres Verlobten entgegen. Eine kleine Betriebsstörung im Verkehr zweier Herzen kann immerhin vorkommen.</p>
<p>Im dritten Stock öffnet sich etwas hastig die Türe des Eßzimmers. &#8222;Babett!&#8220; ruft eine weibliche Stimme. &#8222;Komm mit dem Wischtuch! Mein Mann hat das Sauerkraut an die Wand geschmissen!&#8220; Ach, wie bald verläßt der Friede den häuslichen Herd, wenn er an maßgebender Stelle keine kulinarischen Kenntnisse vorfindet!<br />
Im zweiten Stock &#8211; Madam sind ins Theater gefahren führt sich das Kindermädchen den Inhalt der Saugflasche zu. Das Mädchen ist fett, der Säugling ist mager. Der Säugling schreit auch. Allerdings! Die Säuglinge schreien mitunter. Aber, wie man auch sonst über Säuglinge denken mag, so rechte Denunzianten, gottlob, das sind sie noch nicht.<br />
Im ersten Stock, beim Scheine der Lampe, sitzt ein altes, trauliches Ehepaar. Fast fünfzig Jahre sind’s her, daß sie sich liebend verbunden haben. Sie muß niesen. &#8222;War das eine Katze, die da prustet?&#8220; fragt er. &#8222;War das ein Esel, der da fragt?&#8220; spricht sie. So soll’s sein! Wenn man auch früher verliebt war, das schadet nichts; wenn man nur später gemütlich wird.<br />
Im Erdgeschoß befinden sich Geschäftsräume. Bequem im Sessel ruht der Kassierer. Er hat soeben unter Aufwand seiner vorzüglichsten Geisteskräfte eine neue Art helldunkler Buchführung erfunden, die genau so aussieht, als ob alles in Ordnung wäre, und raucht nun zur Erholung eine echte Havanna.</p>
<p>Es polterte auf der Treppe. Als ich das Haus verließ, sprang ein Herr aus der Tür, der emsig wischte und spuckte. Ich beschloß, das Theater zu besuchen. Ich kam am Gefängnis vorbei. Unter gefälliger Nachhilfe dem schlichten Omnibus entsteigend, wurde eben ein neuer Gast abgeliefert. Es ist der Landbewohner von gestern, der seine Kerze so unvorsichtig ins Stroh gestellt. Oder sollte ich mich doch am Ende in den Absichten dieses Mannes &#8211; Unmöglich! Das konnte ich mir im Traume nicht zumuten. Wie ihr seht, meine Freunde! Als Inspektor bei der Brandkasse hätten sie mich auch nicht gebrauchen können. Im Theater gab man ein frisch importiertes Stück, wo es grausam natürlich drin zuging, Als es zu Ende war, traten mehrere Dichter, die sich auch schon immer was vorgenommen hatten, ohne recht zu wissen wieso, voll entschiedener Klarheit auf die Straße heraus. &#8222;Nur immer natürlich, Kinder!&#8220; rief einer. &#8222;Ein natürliches Bauernmädel, und spränge es im Lehm herum bis an die Knie, dringt mehr zum Herzen und ist mir zehntausendmal lieber als elftausend einbalsamierte Prinzessinnen, die an Drähten tanzen!&#8220; Und dann stellten sie sich alle in einen Kreis und sangen und ich sang mit: &#8222;Natur und nur Natuurrr!&#8220; &#8222;Eduard, schnarche nicht so!!&#8220; ließ sich sofort die Stimme vernehmen. &#8222;Schon recht!&#8220; dacht&#8220; ich und hörte nicht weiter hin, sondern blieb bei dem, was ich mir vorgenommen hatte.</p>
<p>Was nun aber das Kunstwerk betrifft, meine Lieben, so meine ich, es sei damit ungefähr so, wie mit dem Sauerkraut. Ein Kunstwerk, möcht’ ich sagen, müßte gekocht sein am Feuer der Natur, dann hingestellt in den Vorratsschrank der Erinnerung, dann dreimal aufgewärmt im goldenen Topfe der Phantasie, dann serviert von wohlgeformten Händen, und schließlich müßte es dankbar genossen werden mit gutem Appetit. Nachdem sich Freund Eduard dieser Meinung entledigt hatte, fuhr er fort in der Erzählung seines Traumes, wie folgt: Unbefangen im Bewußtsein meiner, sozusagen, Nichtweiterbemerkbarkeit, huscht’ ich in einen schönen Salon hinein, welcher festlich gefüllt war. Und das muß ich gestehn, dieses flimmernde Flunkerwerk Lächeln, Fächeln und Komplimentieren, nicht selten mit der Angel im Wurm, fand meinen ganzen verständnisvollen Beifall.Was ist doch der alte Adam für ein prächtiger Kerl. Er rackert sich ab, er hackt und gräbt und schabt und schindet, er schlägt sich und verträgt sich, jahrelang, generationenlang, je nach Glück und Geschick, hat er aber mal was auf die hohe Kante gelegt, hat er Geld und Zeit, flugs schruppt er sich und macht sich schmuck, daß man kaum noch sieht, was eigentlich dran ist. Und Eva? Wer weiß, was Grazie heißt, wem es jemals vergönnt war zu bemerken, mit welch zweckmäßiger Anmut sie die immerhin etwas verdächtigen Erbstücke einer paradiesischen Vergangenheit teils traulich zu umwölken, teils freundlich zu enthüllen, teils anheimelnd zu schmücken versteht, dem wird es weder unerklärlich, noch unverzeihlich erscheinen, daß ich, als der unerbittliche Morgen ans Fenster klopfte, nur mit Bedauern eine Kulturstätte verließ, wo mir’s so wohl war, trotzdem mich doch niemand beachtet hatte.</p>
<p>Noch sind Markt und Gassen umschleiert von erfrischendem Nebeldunst. Doch schon, geweckt und angetrieben durch den gewinnverheißenden Handelsgeist oder durch einen vorsorglichen Hinblick auf den leider unvermeidlich bevorstehenden Tagesbedarf der häuslichen Wirtschaft, hat mancher sein nächtliches Lager verlassen, um auf dem Markte womöglich der erste zu sein. Ein freundlicher Kleinbürger, vermutlich ein Junggesell, hat sich bereits ein Päckchen Butter erstanden und tritt befriedigt die Heimkehr an. Doch prüft er noch einmal unter Zuhilfenahme des Zeigefingers. Der Erfolg ist schreckhaft. Das Auge starrt, der Mund steht geöffnet. Er eilt auf den Markt zurück. Er umhalst die ländliche Butterfrau. Er drückt ihr Haupt an seinen Busen. Und während er dies mit der Linken tut, schmiert ihr seine Rechte unter fortwährend mahlender Kreisbewegung die &#8222;gefüllte&#8220; Butterwälze in das ängstlich gerötete Angesicht. Die Frau kam mir bekannt vor. Der herbeigerufene Schutzmann knüpfte mit ihr ein näheres Verhältnis an. Zu gleicher Zeit entstand vor einem in der Nähe liegenden geschmackvollen Rokokohause ein wehmütig klagendes Volksgetümmel. Meist Witwen und Waisen. Bankiersfirma. Geschäft geschlossen. Besitzer gestern begraben. Passiva bedeutend. Doch die Sonne, den Nebel zerteilend, schien nun strahlend an den Tempel der Wissenschaft, dem mein nächster Besuch galt.</p>
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		<title>Abschnitt 7</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Nov 2015 09:26:20 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Er hatte den Stellwagen nicht bemerkt, der hinter ihm herfuhr. Dieser fuhr ihm ein Bein ab. Zum Glück war der Doktor, dem beim Anblick eines neuen Patienten wieder Friede und Heiterkeit, die noch soeben vermißten, auf der denkenden Stirne glänzten, sofort zur Stelle, um den nötigen Verband anzulegen. Mittlerweile war es Nacht geworden. Im Dörfchen [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Er hatte den Stellwagen nicht bemerkt, der hinter ihm herfuhr. Dieser fuhr ihm ein Bein ab. Zum Glück war der Doktor, dem beim Anblick eines neuen Patienten wieder Friede und Heiterkeit, die noch soeben vermißten, auf der denkenden Stirne glänzten, sofort zur Stelle, um den nötigen Verband anzulegen. Mittlerweile war es Nacht geworden. Im Dörfchen brannte ein Haus ab. &#8222;Aha!&#8220; rief ich beim Anblick der Flammen, &#8222;Unvorsichtigkeit ist eine hervorragende Eigenschaft derjenigen Menschen, welche morgen genau wissen, was sie heute zu tun haben. Hehe!&#8220;<br />
Fast hätte mich in diesem Augenblick eine alte Fledermaus erschnappt und aufgefressen, weil sie mich wahrscheinlich für eine kleinere Abart der Kleidermotte ansah; aber ich war schneller als sie und flog in einen dichten Wald und legte mich in das Näpfchen einer ausgefallenen Eichel; und hier, dachte ich, kannst du, wenn auch nicht aus Bedürfnis, so doch aus Prinzip, deiner nächtlichen Ruhe pflegen. Der Mond war aufgegangen und spiegelte sein fettes, glänzendes Gesicht in einem Wassertümpel, den wilde Rosen umkränzten.</p>
<p>Schon hatte ich die Absicht, mich in die allergrößten Gedanken zu vertiefen, da ging der Spektakel los. Siebenundneunzig dumpftönende Unken, dreihundertvierundvierzig hellquakende Wasserfrösche und zweitausendzweihundertundzweiundzwanzig hochzirpende Grillen gebrauchten ihre ausreichenden Stimmittel und emsigen Kunstgelenke zum Vortrage einer symphonischen Dichtung. Ein hohler Weidenbaum mit seinen zwei unteren Seitenästen dirigierte. Sein künstlerischer Chignon wehte im Winde der Begeisterung. Die Sache war langwierig; aber schließlich ging ihnen doch der Faden aus, und das bisher nur mit Mühe unterdrückte Bedürfnis des Beifalls konnte sich Luft machen. Entzückt und befriedigt raschelten die Rosen mit den Blättern und dufteten sogar, was die wilden sonst kaum zu tun pflegen. &#8222;Bravo!&#8220; quakten wie aus einem Munde fünf dicke, grüne Laubfrösche. &#8222;Brravo! Geschmackvoll! Geschmackvoll!!&#8220; Und sieben alte, graue Käuze, die im Hinterteil einer morschen Erle ihre Logenplätze hatten, quiekten maßgebend über alle hinweg: &#8222;Manjifiek! Manjifiek!&#8220; Ich meinerseits, um doch auch ein hohes Verständnis zu zeigen, suchte mein schönstes falsches Pathos hervor und brüllte, wie laut oder wie leise, das weiß ich nicht mehr: &#8222;Offenbaarrung! Musikalische Offenbaaarrrung!&#8220; &#8222;Eduard, schnarche nicht so!!&#8220; ließ sich wieder einmal die Stimme vernehmen. Kaum, daß ich danach hinhörte. Ich saß gemütlich in meinem Eichelnäpfchen, höchst sorglos versimpelt in den Gedankengang, der mir grad Spaß machte. Müdigkeit, hatt’ ich bisher immer geglaubt, gäb’s für mich nicht. Nun aber sollt’ ich so recht erfahren, welch unwiderstehlich wohltätige Wirkungen eine gute Musik hat. Schon nach fünf Minuten war ich in einen richtigen rücksichtslosen Schlummer versunken.<br />
Ich mußte wohl ausgiebig geschlafen haben, denn als ich erwachte und mir gewissermaßen die Augen rieb, stand die Sonne schon tief am westlichen Himmel.</p>
<p>In bummligem Fortschritt schwebte ich nun einer bedeutenden Stadt entgegen, deren hochragende Türme und hochrauchende Schornsteine ich gestern schon von weitem bemerkt hatte. Eben kam der nachmittägliche Kurierzug über die Brücke dahergesaust. Im ersten Kupee hatte ein gewiegter Geschäftsmann Platz genommen, der, nachdem er seine Angelegenheiten geregelt hatte, nun inkognito das Ausland zu bereisen gedachte. Im zweiten Kupee saß ein gerötetes Hochzeitspärchen; im dritten noch eins. Im vierten erzählten sich drei Weinreisende ihre bewährten Anekdoten; im fünften noch drei; im sechsten noch drei.<br />
Sämtliche noch übrigen Kupees waren vollbesetzt von einer Kunstgenossenschaft von Taschendieben, die nach dem internationalen Musikfeste wollten. Auf dem Bahndamme standen mehrere Personen. Ein Greis ohne Hoffnung, eine Frau ohne Hut, ein Spieler ohne Geld, zwei Liebende ohne Aussichten und zwei kleine Mädchen mit schlechten Zeugnissen. Als der Zug vorüber war, kam der Bahnwärter und sammelte die Köpfe. Er hatte bereits einen hübschen Korb voll in seinem Häuschen stehn. In den Anlagen der Handelsgärtnerei, die in der Nähe der Brücke lag, wandeln zwei Damen, Frau Präsidentin nebst Tochter. Letztere hatte sich Pflaumen gekauft. &#8222;Oh, Mama!- spricht sie beklommen. &#8222;Ich kriege so&#8220; &#8211; &#8222;Pfui, Pauline!&#8220; unterbrach sie die zartfühlende Mutter. &#8222;Von so etwas spricht man nicht!- &#8222;Guten Morrrgen!&#8220; schnarrte des Gärtners zahmer Rabe dazwischen. &#8222;Oh, sieh mal, Mama!&#8220; rief die bereits wieder heitere Pauline. &#8222;Welch ein himmlischerVogel! Bitte, gutes Pappchen, sprich doch noch mal!&#8220; &#8222;Drrreck!&#8220; schnarrte der Rabe. &#8222;Komm her, mein Kind!&#8220; sprach die indignierte Frau Präsidentin. &#8222;Jetzt wird er gemein!!&#8220;</p>
<p>Hieran bemerkte ich so recht, daß ich mich nicht mehr im Bezirke der annähernd zwanglosen Gemütsäußerungen befand, sondern vielmehr in der Nähe einer feinen und hochgebildeten Metropole. Mir entgegen aus dem Tore bewegte sich ein herrlicher Trauerzug. Im Sarge befand sich ein angesehener, aber toter Bankier, beweint und begleitet von hoch und gering. Ich konnte deutlich bemerken, wie er aussah. Er lächelte so recht pfiffig und selbstzufrieden in sich hinein, als ob er sich amüsierte, daß er ein solch schönes Begräbnis weg hatte und ein so langes Gefolge, und daß so viele geschmackvolle Kränze seinen Triumphwagen schmückten. Das wäre was gewesen für Peter, meinen kleinen Neffen! Die Freude hätte ich ihm wohl gönnen mögen! Als vergangenen Herbst die alte Frau Amtmann zur letzten Ruhe bestattet wurde, rief er entzückt: &#8222;Ah! was hat unsere selige Frau Amtmann für eine prachtvolle Kommode!&#8220; Wohnungsumzüge und Leichenzüge hält er für die zwei unterhaltlichsten Schaustellungen dieser Welt; und eine gewisse Ähnlichkeit zwischen beiden läßt sich ja auch nicht ableugnen, obwohl der ruhige Erfolg vielleicht mehr auf seiten der letzteren ist. Ich flog weiter. Eine leichte heidnische Dunstwolke mit einem aromatischen Anhauch von Pomade und Knoblauch, die über der christlichen Stadt schwebte, umfing mich. Auf Straßen und Promenaden flutet das bunte Publikum und ergießt sich in die hochragenden Speise- und Schenkpaläste, die fürstlich geschmückten, wo der altbewährte Grundsatz gilt: Lieber ein bissel zu gut gegessen, als wie zu erbärmlich getrunken. Freilich, manch Ach und Krach, was anscheinend vielleicht stören könnte, ist auch in der Nähe; wer aber mal einen gesunden Appetit hat, den geniert es nicht viel, wenn er auch mal ein paar unglückliche Fliegen in der Suppe findet. Das Geschäft steht in Blüte; der Israelit gleichfalls. Warum sollte er auch nicht?</p>
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		<title>Abschnitt 3</title>
		<link>https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-3/</link>
		
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		<pubDate>Tue, 17 Nov 2015 09:09:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der Kontrapunkt ließ weiterblasen. Ich wandte mich einer entfernteren Gesellschaft zu. Es waren Atome, die eben zur Francaise antraten. Mit großer Sicherheit tanzten sie ihre verzwickten molekülarischen Touren durch, und als sie aufhörten und sich niedersetzten, war’s allen hübsch warm geworden. Sie sind nicht so stupid, wie man sonst wohl zu glauben pflegt, sondern haben [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-3/">Abschnitt 3</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wilhelm-busch.de">Wilhelm Busch.de</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Kontrapunkt ließ weiterblasen. Ich wandte mich einer entfernteren Gesellschaft zu. Es waren Atome, die eben zur Francaise antraten. Mit großer Sicherheit tanzten sie ihre verzwickten molekülarischen Touren durch, und als sie aufhörten und sich niedersetzten, war’s allen hübsch warm geworden. Sie sind nicht so stupid, wie man sonst wohl zu glauben pflegt, sondern haben ihre interessanten und interessierten Seiten, so daß selbst so was wie ein zärtliches Verhältnis zwischen ihnen nicht selten ist. Eine ihrer Damen kam mir bekannt vor. Wo hatt’ ich sie nur gesehen? Richtig! Bei Leibnizens. Die alte Monade, und ordentlich wieder jung geworden! Schon hatte auch sie mich erkannt. Sie fliegt auf mich zu. Sie umklammert mich mit ihren mageren Valenzen, sie preßt mir einen rotglühenden Kuß auf die Lippen und ruft schwärmerisch: &#8222;Mein süßer Freund! Oh, laß uns ewig zusammenhaften!&#8220; &#8222;Ich verhielt mich abstoßend. Mit unglaublicher Schnelligkeit schoß ich oben durchs Zeltdach und eilte sodann, nicht ohne ängstliche Rückblicke, in die möglichste Ferne hinaus. Wie sich zeigte, nicht ganz allein.<br />
Dicht neben mir ließ sich ein kümmerliches Hüsteln vernehmen. Es war der mathematische Punkt, den ich vorhin zu fixieren versuchte. Zu Hause, so klagte er lispelnd, brächte er’s doch zu nichts. Nun wollte er einmal sehn, ob dort drunten in der geometrischen Ebene für ihn nichts zu machen sei. Da lag sie vor uns, die Horizontalebene, im Glanz der sinkenden Abendsonne.</p>
<p>Kein Baum, kein Strauch, kein Fabrikschornstein ragte draus hervor. Alles flach wie Judenmatzen, ja noch zehntausendmal flacher; und doch befanden wir uns am Eingang eines betriebsamen Städtchens, welches nur platt auf der Seite lag. Das Tor, welches wir passieren mußten, hatte nur Breite, aber nicht die mindeste Höhe. Es war so niedrig, daß ich mir, obgleich ich mich bückte, doch noch die Glatze etwas abschabte, und selbst mein winziger Begleiter konnte nur eben drunter durch. Er fand noch am selben Abend eine Anstellung bei einem tüchtigen Geometer, der ihn sofort in die Reißfeder nahm, um ihn an den Ort seiner künftigen Wirksamkeit zu übertragen, wozu ich ihm besten Erfolg wünschte. Ich selber suchte, da es schon spät, eine naheliegende Herberge auf. Hier nun trat mir zum erstenmal in Gestalt des Herrn Oberkellners eine richtige mathematische grade Linie entgegen. Etwas Schlankeres gibt’s nicht. Mir fiel gleich dabei ein, was Peter, mein kleiner Neffe, mal sagte. &#8222;Onkel Eduard!&#8220; sagte er. &#8222;Ein Geist muß aber recht mager sein, weil man ihn gar nicht sieht!&#8220; Und wie lächerlich dünn so ein mathematischer Strich ist, das sah ich so recht des Nachts, als ich zu Bette gegangen. In der Kammer nebenan schliefen ihrer dreißig in einer Bettstelle, die nicht breiter war als ein Zigarettenetui, und doch blieb noch Platz übrig. Freilich, erst schalten sie sich, denn es war ein Pole dabei, der an unruhigen Träumen litt und sich viel hin und her wälzte, bis sie ihn schließlich durch zwei Punkte festlegten; dann gab er Ruh. Ich bemühte mich, seinen Namen auszusprechen: Chrr &#8211; Chrrr &#8211; Chrrrr &#8211; Im selben Augenblick ließ sich wieder die Stimme vernehmen: &#8222;Eduard, schnarche nicht so!!&#8220; Ich fuhr heftig zusammen. Aber während ich das erstemal fast volle drei Sekunden nötig hatte, um mein inneres Gleichgewicht wieder zu finden, brauchte ich diesmal kaum zwei; dann ging ich schon wieder meinen gewohnten Gedanken nach, als sei weiter nichts vorgefallen.</p>
<p>Vielleicht, meine Freunde, möchte nun dieser oder jener unter euch geneigt sein, von mir zu erfahren, woher dierwähnte Stimme denn wohl eigentlich kommen konnte. Darauf erwidere ich, daß ich in der Regel vielzuviel Takt besitze, um auch nur die allergeringste Mitteilung über Dinge zu machen, die keinen andern etwas angehn. Entschuldigt meine Entschiedenheit!<br />
Am nächsten Morgen besah ich mir die Stadt. Selbstverständlich muß jedermann platt auf dem Bauche rutschen. Vornehme und Geringe sind auf den ersten Blick nur schwer zu unterscheiden, und wer genötigt ist, höflich zu sein, muß riesig aufpassen; denn da nichts Höhe hat, also gar keinen Schatten wirft, so erscheint vorläufig jeder, auch der quadratisch Gehaltvollste und Eckigste, der einem begegnet, als gewöhnlicher Strich. Natürlich zieht der Mangel an Schatten auch den Mangel an Photographen nach sich, und so müssen denn die Leute den schönen Zimmerschmuck entbehren, wofür wir unserseits diesen Künstlern so dankbar sind. Aber man behilft sich, so gut es geht. Man läßt seinen Schreiner kommen; man läßt sich ausmessen; er macht einen kleinen proportionalen Abriß in das Album des betreffenden Freundes, notiert den wirklichen Quadratinhalt nebst Jahr und Datum in die Mitte der werten Figur, und das Andenken ist fertig.</p>
<p>Was nun das ewige Rutschen betrifft, so wollte mir ein Eingeborener, der durchaus treuherzig und vollkommen glaubwürdig aussah, die feste Versicherung geben, daß es, obwohl hier jeder von Haus aus unendlich dünn sei, doch einige Briefträger gäbe, die sich mit der Zeit so abgeschabt hätten, daß sie auf ihre alten Tage nur halb so dünn wären wie möglich.<br />
Dies schien mir bemerkenswert wegen der Kongruenz. Denn erwies sich die Angabe als richtig, so war eine tatsächliche Deckung ganz gleicher Figuren, welche mir bei den äußerst gedrückten Ortsverhältnissen unmöglich schien, doch unter Umständen nicht ausgeschlossen. Ich erkundigte mich nach dem Kongruenzamte, eine Einrichtung, die ungefähr unserm Standesamte entsprechen würde. Da mir niemand Auskunft zu geben vermochte, wandte ich mich direkt an den Magistrat.<br />
&#8222;Solche Dummheiten&#8220;, hieß es, &#8222;machen wir hier nicht. Die das wollen, müssen sich gefälligst in die dritte Dimension bemühen, und die Symmetrischen erst recht!&#8220;<br />
Ihr altes Ratszimmer war ungemein dumpf und niedrig. Daher empfahl ich mich umgehends mit einem lustigen Vertikalsprung nach oben durch den Plafond und atmete auf im dreidimensionalen Raume, wo stereometrische Freiheit herrschte, wo der Kongruenz räumlich gleichgestimmter Paare keine Ehehindernisse im Wege standen.</p>
<p>So dachte ich. Aber Ausnahmen, wie überall, gab’s leider auch hier.<br />
Grad kamen zwei sphärische Dreiecke, eines genau das geliebte Spiegelbild des andern, sehr gerötet vom Kongruenzamte, wo man sie abgewiesen. Sie trug ein schön krumm gebügeltes Sacktuch von unendlich durchsichtigem Battist und weinte die landesüblichen Tränen, gleich niedlichen Seifenbläschen, die der Zephir entführte. Ein Paar unendlich feiner Handschuhe, ein linker und ein rechter, er Brautführer, sie Kranzjungfer, versuchten ihr Trost zu spenden, indem sie sagten: Ihnen ginge es ja auch so, und wenn alle Stricke rissen, dann könnte man ja immer noch durchbrennen in die vierte Dimension, wo nichts mehr unmöglich sei.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/abschnitt-3/">Abschnitt 3</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wilhelm-busch.de">Wilhelm Busch.de</a>.</p>
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		<title>Eduards Traum</title>
		<link>https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[wilhelmbusch.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Nov 2015 09:02:26 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Eduards Traum ist ein Prosatext von Wilhelm Busch, erschienen 1891. Der Ich-Erzähler Eduard berichtet von einem Traum, in dem er immer kleiner wird und eine groteske Welt durchquert. Zum Werk Die Erzählung beginnt im häuslichen Alltag mit Eduard, seiner Frau Elise und dem Kind Emil. Nach Mitternacht schläft Eduard ein. In seinem Traum schrumpft er [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/">Eduards Traum</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wilhelm-busch.de">Wilhelm Busch.de</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Eduards Traum</em> ist ein Prosatext von Wilhelm Busch, erschienen 1891. Der Ich-Erzähler Eduard berichtet von einem Traum, in dem er immer kleiner wird und eine groteske Welt durchquert.</p>
<h2>Zum Werk</h2>
<p>Die Erzählung beginnt im häuslichen Alltag mit Eduard, seiner Frau Elise und dem Kind Emil. Nach Mitternacht schläft Eduard ein. In seinem Traum schrumpft er zunächst zur winzigen Gestalt und erlebt eine Folge satirischer Begegnungen und Gesellschaftsbilder. Am Morgen weckt Elise ihn zum Kaffee.</p>
<p>Der Text gehört zu Buschs später Prosa. Anders als seine Bildergeschichten erzählt er ohne begleitende Zeichnungen. Die Ausgabe auf dieser Website ist in zwanzig Abschnitte gegliedert.</p>
<h2>Quellen</h2>
<ul>
<li><a href="https://projekt-gutenberg.org/authors/wilhelm-busch/books/eduards-traum/" target="_blank" rel="noopener">Projekt Gutenberg: Eduards Traum</a>.</li>
<li><a href="https://de.wikisource.org/wiki/Wilhelm_Busch" target="_blank" rel="noopener">Wikisource: Wilhelm Busch – Werkübersicht</a>.</li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wilhelm-busch.de/werke/geschichten/eduards-traum/">Eduards Traum</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wilhelm-busch.de">Wilhelm Busch.de</a>.</p>
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