Wenn der Filzhut zur Romanfigur wird – Lenz Mosbachers „BEUYS“

Vierzig Jahre nach seinem Tod bleibt Joseph Beuys eine der am meisten diskutierten Figuren der Kunstgeschichte. Pünktlich zu diesem Jubiläum legt der Wiener Künstler Lenz Mosbacher mit „BEUYS – Die Erfindung der Wahrheit“ ein Graphic-Novel-Debüt vor, das den Mut besitzt, dem Meister der Selbstdarstellung auf seinem eigenen Terrain zu begegnen: dem der Legende.

Jenseits der Fakten: Die Wahrheit der Fiktion

Wer eine chronologische Auflistung von Beuys’ Lebensstationen erwartet, wird überrascht. Mosbacher versteht, dass man einem Künstler, der seine eigene Rettung durch Tataren als Gründungsmythos stilisierte, nicht mit bloßen Jahreszahlen beikommt. Die Graphic Novel nutzt die Freiheit des Mediums, um Beuys in fiktive, aber atmosphärisch dichte Situationen zu werfen.

Besonders brillant gelingen die Passagen, in denen Beuys auf andere Ikonen trifft. Ob im Dialog mit Susan Sontag oder in der Konfrontation mit Ulrike Meinhof – Mosbacher arbeitet die Reibungspunkte zwischen Beuys’ esoterisch angehauchtem Kunstbegriff und dem harten politischen Realismus der 70er Jahre heraus. Diese narrative Dichte erinnert an die Qualität, die wir heute in der modernen grafischen Literatur schätzen, und die ihre Wurzeln in der Beobachtungsgabe eines Wilhelm Busch hat.

Visuelle Energie: Filz und Tusche

Zeichnerisch setzt Mosbacher auf ein starkes Spiel mit Kontrasten. Die Texturen von Filz und Fett – die zentralen Materialien in Beuys’ Werk – werden durch die haptische Qualität seiner Strichführung fast spürbar. Die Graphic Novel schafft es, die berühmte Aktion „I like America and America likes me“ (mit dem Kojoten in New York) visuell so zu dekonstruieren, dass die Stille und die spirituelle Spannung der Performance auch auf dem Papier erhalten bleiben.

Ein Brückenschlag in die Gegenwart

Ein mutiger Kniff der Erzählung ist der Transfer von Beuys’ Ideen in die heutige Zeit. Mosbacher lässt den Künstler auf Aktivisten im Hambacher Forst treffen. Hier stellt sich die entscheidende Frage: Was bleibt von der „Sozialen Plastik“? Ist „Jeder Mensch ist ein Künstler“ heute eine hohle Phrase oder ein Handlungsauftrag für den ökologischen Wandel?

Lenz Mosbacher, der sich auf die Vermittlung historischer Inhalte spezialisiert hat, beweist hier ein feines Gespür für die Relevanz der Kunstgeschichte. Sein Werk ist nicht nur eine Hommage, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit der Macht der Bilder und Erzählungen.


Zusammenfassung

„BEUYS – Die Erfindung der Wahrheit“ ist ein meisterhaftes Debüt. Es nutzt die grafische Literatur, um die Komplexität eines Mannes einzufangen, der sich zeitlebens gegen Eindeutigkeiten wehrte. Mosbacher liefert einen essentiellen Beitrag zum Beuys-Jahr, der zeigt, dass die Bildergeschichte – ganz im Geiste Buschs – ein ernstzunehmendes Medium für tiefgreifende Kulturkritik ist.

Buch

Verlag
avant-verlag
ISBN
978-3964451545

Weitere Informationen

nach oben