Füsslis Nachtmahr. Vom Sublimen zum Lächerlichen

22.07.2017 - 15.10.2017
Johann Heinrich Füssli, Der Nachtmahr, 1790/91, Freies Deutsches Hochstift – Frankfurter Goethe Museum, Foto: David Hall

Füssli: Der Nachtmahr

Johann Heinrich Füssli, Der Nachtmahr, 1790/91, Freies Deutsches Hochstift – Frankfurter Goethe Museum, Foto: David Hall

Das Gemälde »Der Nachtmahr« des schweizerisch-britischen Malers Johann Heinrich Füssli (1741–1825) gilt als eine Ikone der europäischen Kunstgeschichte.

Die zweite Version des Gemäldes von 1790/91 aus dem Besitz des Frankfurter Goethe-Museums steht im Mittelpunkt der Ausstellung, die knapp 100 Exponate aus den Bereichen Gemälde, Handzeichnungen, Druckgrafik, Bücher und Film vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart umfasst, darunter zahlreiche Karikaturen aus den Sammlungen des Museums Wilhelm Busch.

Johann Heinrich Füsslis Gemälde »Der Nachtmahr« fasziniert die Betrachter bis heute: in einer unheimlich wirkenden Szenerie sind rätselhafte Traumwelten, dunkle Seiten der Psyche und erotisches Begehren subtil miteinander verwoben. Antikisierende Formensprache mischt sich im »Nachtmahr« mit Anregungen aus Literatur, Volksglaube und Mythologie, neueste medizinische Beobachtungen und tradierte Vorstellungen zum Verhältnis von Körper und Geist finden mit Füsslis eigenen Obsessionen schier unentwirrbar zusammen. In gewisser Weise manifestiert der »Nachtmahr« den Übergang von einer jahrhundertealten christlichen Seelenvorstellung zu neuzeitlicher Psychologie, die mit dem Begriff der Psyche auch Dimensionen des Un- bzw. Unterbewussten zu fassen sucht.

Schon die Ausstellung der ersten Fassung des Bildes 1782 in der Londoner Royal Academy löste eine Sensation aus – und das Bild wurde durch Reproduktionsstiche schnell weithin bekannt. Satirische Künstler entdeckten das groteske Potenzial in Füsslis Gemälde unmittelbar als wirkmächtige Vorlage. Allein bis etwa 1820 lassen sich ca. 100 meist politische Karikaturen nachweisen, die das Motiv des »Nachtmahrs« aufgenommen haben. Aber auch Literaten, Filmkünstler, selbst Musiker lassen sich bis heute vom »Nachtmahr« inspirieren, der als Prototyp der Schauerromantik gelten kann.

Johann Heinrich Füssli: Die wahnsinnige Kate, 1806/07, Öl auf Leinwand, 91 x 71 cm, Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum, Foto: Ursula Edelmann

Füssli: Die wahnsinnige Kate

Johann Heinrich Füssli: Die wahnsinnige Kate, 1806/07, Öl auf Leinwand, 91 x 71 cm, Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum, Foto: Ursula Edelmann
Johann Heinrich Füssli: Der Tod der Cordelia, um 1810/1820, Öl auf Leinwand, 117,1 x 142,6 cm, Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum

Füssli: Der Tod der Cordelia

Johann Heinrich Füssli: Der Tod der Cordelia, um 1810/1820, Öl auf Leinwand, 117,1 x 142,6 cm, Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum

Die Ausstellung »Füsslis Nachtmahr. Vom Sublimen zum Lächerlichen« geht dieser einzigartigen Wirkungsgeschichte nach. Im Zentrum der Ausstellung steht die 1790/91 entstandene zweite Fassung des Gemäldes, in der Füssli das Motiv noch stärker zugespitzt hat. Sie gehört heute zum kostbarsten Bestand des Frankfurter Goethe-Museums, dem Kooperationspartner dieses Ausstellungsprojekts.

Das lebhafte Echo des »Nachtmahrs« in der Karikatur beweisen in der Ausstellung zahlreiche Karikaturen aus dem Bestand des Museums Wilhelm Busch sowie Leihgaben des Londoner Galeristen Andrew Edmunds und des Kunsthauses Zürich. Dass die Faszinationskraft des Bildes bis heute ungebrochen ist, zeigen Horst Janssens Radierfolge »Alp« ebenso wie Filmausschnitte von Murnaus »Nosferatu« bis hin zum »Nachtmahr« von Akiz (2015). Ausgehend von Füsslis »Nachtmahr« werden Traum und Wahnsinn in Kunst und Karikatur anhand zwei weiterer Gemälde Füsslis, der »Wahnsinnigen Kate« und dem Shakespeare-Szenario »Tod der Cordelia«, sowie Karikaturen insbesondere von Künstlern wie Thomas Rowlandson, näher beleuchtet.

Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Freien Deutschen Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum entstanden ist, wurde von Prof. Dr. Werner Busch und Dr. Petra Maisak kuratiert. Sie wird von einem reich bebilderten Katalog begleitet, der im Michael Imhof Verlag erschienen ist. Er umfasst 248 Seiten mit einführenden Essays von Werner Busch und Petra Maisak sowie ausführliche Erläuterungen zu den einzelnen Exponaten. Er ist im Buchhandel und im Museumsshop zum Preis von 27 Euro erhältlich. Der Katalog wurde von der Ernst von Siemens Kunststiftung gefördert.

Abb. 4: Thomas Rowlandson: Dutch Night-Mare or the Fraternal Hug Returned with a Dutch Squeeze, 29. November 1813, Radierung, 30,9 x 23 cm, Wilhelm Busch – Museum für Karikatur und Zeichenkunst

Rowlandson: Dutch Night-Mare

Abb. 4: Thomas Rowlandson: Dutch Night-Mare or the Fraternal Hug Returned with a Dutch Squeeze, 29. November 1813, Radierung, 30,9 x 23 cm, Wilhelm Busch – Museum für Karikatur und Zeichenkunst
  • Datum 22.07.2017 - 15.10.2017
  • Ort Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur & Zeichenkunst, Georgengarten, 30167 Hannover
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